Es gibt Rollenspiele, bei denen bereits wenige Minuten reichen, um zu wissen, dass man diese Welt so schnell nicht wieder verlassen möchte. Ni no Kuni: Der Fluch der Weißen Königin gehört ziemlich eindeutig dazu.
LEVEL-5 verbindet hier ein klassisches JRPG-Abenteuer mit Animationen von Studio Ghibli und einem Soundtrack von Joe Hisaishi. Das Ergebnis sieht stellenweise tatsächlich so aus, als wäre ein Animefilm plötzlich spielbar geworden.
Doch hinter der märchenhaften Fassade wartet nicht nur eine wunderschöne Spielwelt. Ein ungewöhnliches Kampfsystem, sammelbare Vertraute und zahlreiche Nebenaufgaben sorgen für reichlich Beschäftigung – während ein ausgesprochen gemächlicher Einstieg gelegentlich ganz andere Qualitäten von der eigenen Geduld verlangt.
Wie gut funktioniert Olivers Reise also heute noch? Und reicht der berühmte Ghibli-Charme aus, um über die Schwächen hinwegzusehen?
🎮 Ni no Kuni: Der Fluch der Weißen Königin Remastered – Spieldaten
Release Remastered: 20. September 2019
Plattformen Remastered: PS4 · PC · Xbox One · Xbox Series
Nintendo Switch: Originalfassung seit 20. September 2019
Genre: JRPG / Monster-Sammel-Rollenspiel
Entwickler: LEVEL-5 / QLOC (Remaster)
Publisher: Bandai Namco Entertainment
Sprache: Deutsche Bildschirmtexte · Englische & japanische Sprachausgabe
Getestet auf: PC
Studio Ghibli zeichnete für die Animationen verantwortlich, während Joe Hisaishi die Musik komponierte. Die PS4-/PC-Neuauflage verbesserte unter anderem Auflösung und Bildrate.
Ein kleiner Ausflug mit ziemlich großen Folgen
Oliver lebt mit seiner Mutter in einer kleinen Stadt und führt zunächst ein ziemlich gewöhnliches Leben. Gemeinsam mit einem Freund schraubt er leidenschaftlich an einem selbstgebauten Fahrzeug herum. Irgendwann soll das gute Stück natürlich auch ausprobiert werden.
Also schleicht sich Oliver eines Nachts aus dem Haus. Was könnte schon schiefgehen? Nun ja. Ziemlich viel. Bei der Probefahrt kommt es zu einem Unfall und Oliver landet mit dem Fahrzeug im Fluss. Seine Mutter kann ihn zwar retten, bricht unmittelbar danach jedoch zusammen. Sie stirbt.
Und bereits hier zeigt Ni no Kuni, weshalb seine Inszenierung bis heute so gut funktioniert. Die Szene versucht nicht krampfhaft, möglichst dramatisch zu sein. Gerade deshalb trifft sie.

Nach dem Verlust zieht sich Oliver zunehmend zurück. Bis eines Tages ausgerechnet sein altes Kuscheltier zum Leben erwacht. Es stellt sich als Tröpfchen vor – eine Fee aus einer anderen Welt, die mit Olivers Heimat auf geheimnisvolle Weise verbunden ist.
Tröpfchen glaubt, dass es möglicherweise doch eine Chance gibt, Olivers Mutter zu retten. Denn in seiner Welt existieren sogenannte Seelenverwandte. Menschen aus beiden Welten sind miteinander verbunden und ähneln sich teilweise äußerlich oder charakterlich. Und das Gegenstück zu Olivers Mutter soll dort noch leben.

Für Oliver reicht diese Hoffnung aus. Mit dem Magischen Begleiter – einem umfangreichen Zauberbuch – macht er sich auf den Weg in eine vollkommen neue Welt. Und plötzlich wird aus einer Geschichte über Verlust ein großes Fantasy-Abenteuer.
Eine Welt wie aus einem Ghibli-Film
Der erste Schritt in diese neue Welt gehört bis heute zu den schönsten Momenten des Spiels. Grüne Landschaften, fantasievolle Städte, ungewöhnliche Bewohner und zahlreiche kleine Details sorgen dafür, dass Ni no Kuni sofort eine erstaunlich warme Atmosphäre entwickelt. Fast jeder Ort besitzt eine eigene Identität.

Das liegt selbstverständlich auch an der visuellen Gestaltung. Die Figuren wirken wie direkt aus einem Animationsfilm übernommen, während zahlreiche Zwischensequenzen tatsächlich von Studio Ghibli gestaltet wurden. Dazu kommt Joe Hisaishis orchestrale Musik, die dem Abenteuer noch einmal erheblich mehr Persönlichkeit verleiht.
Es sind aber gerade die kleinen Dinge, die diese Welt glaubwürdig machen. Unterschiedliche Völker, die teilweise ausgesprochen drolligen Monster, Tröpfchens permanente Kommentare oder der Magische Begleiter vermitteln ständig das Gefühl, dass hinter dieser Welt mehr steckt als eine hübsche Kulisse.
Das Zauberbuch wird im Laufe der Reise sogar um neue Informationen, Geschichten und Zauber ergänzt. Man kann tatsächlich einfach darin herumblättern und sich mit der Welt beschäftigen. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist aber genau die Art von Kleinigkeit, durch die Ni no Kuni seinen Charme entwickelt.

Ein hervorragender Anfang – und dann wird es ruhiger
Gerade der Beginn der Handlung ist ausgesprochen stark. Olivers Verlust, seine Hoffnung und der Wechsel in die Parallelwelt geben der Reise sofort eine emotionale Grundlage.
Leider kann die Geschichte dieses Niveau nicht durchgehend halten. Nach dem starken Auftakt entwickelt sich ein relativ klassisches Muster.
Oliver erreicht eine neue Region, trifft auf ein lokales Problem, hilft den Bewohnern und reist gelegentlich sogar zurück in seine eigene Welt, um dort einen passenden Seelenverwandten aufzuspüren. Danach geht es weiter zum nächsten Gebiet.

Das funktioniert durchaus. Gerade Themen wie Freundschaft, Mut, Zusammenhalt und der Umgang mit negativen Gefühlen werden angenehm verständlich und familienfreundlich vermittelt. Trotzdem hätten wir uns mehr gewünscht.
Diese Welt besitzt so viele verschiedene Kulturen, Orte und Ideen, dass sie problemlos eine wesentlich facettenreichere Geschichte tragen könnte. Auch die aufwendigen Anime-Zwischensequenzen werden im späteren Verlauf merklich seltener.
Das Abenteuer bleibt charmant. Der emotionale Paukenschlag des Anfangs wird allerdings nicht noch einmal vollständig erreicht.
Der wahre Endgegner heißt Geduld
Das größere Problem ist jedoch nicht unbedingt die Handlung. Es ist das Pacing. Ni no Kuni nimmt sich am Anfang sehr, sehr viel Zeit. Zunächst gibt es zahlreiche Zwischensequenzen. Anschließend werden selbst grundlegende Funktionen ausführlich erklärt.
Wie kauft man Ausrüstung? Tutorial. Wie funktioniert dieser Zauber? Tutorial. Wie funktioniert jene Mechanik?Natürlich ebenfalls Tutorial. Manchmal fehlt eigentlich nur noch eine schriftliche Anleitung dafür, wie man ein Tutorial liest.

Für JRPG-Neulinge ist diese Vorsicht durchaus sinnvoll. Wer bereits zahlreiche Rollenspiele gespielt hat, dürfte sich dagegen relativ schnell wünschen, dass das Spiel endlich die Handbremse löst.
Noch problematischer ist, dass wichtige Gameplay-Systeme erst nach mehreren Stunden vollständig verfügbar werden. Oliver verbringt insbesondere den Anfang größtenteils allein. Und ausgerechnet die Möglichkeit, neue Vertraute einzufangen, wird erst später freigeschaltet.
Das ist schwer nachvollziehbar, weil gerade dieses System einen erheblichen Teil des langfristigen Spielspaßes ausmacht.
Rundenkampf trifft Echtzeit
Die Gegner sind bereits vor einer Begegnung sichtbar. Berührt Oliver eines der Monster, wechselt das Spiel auf ein separates Kampffeld. Und dort wird es etwas ungewöhnlicher.
Das Kampfsystem liegt irgendwo zwischen klassischem Rundenkampf und Echtzeit. Solange kein Befehl ausgewählt wurde, lässt sich die aktuelle Figur frei über das Schlachtfeld bewegen. Wählt man beispielsweise einen Angriff aus, wird die Aktion anschließend automatisch ausgeführt.

Oliver und seine späteren Begleiter können selbst kämpfen. Die Hauptrolle übernehmen jedoch häufig ihre Vertrauten. Diese kleinen Monster besitzen unterschiedliche Fähigkeiten, Statuswerte und Einsatzmöglichkeiten.
Ganz ohne Einschränkungen dürfen sie allerdings nicht dauerhaft auf dem Feld bleiben. Jeder Vertraute besitzt eine Ausdauerleiste. Ist diese erschöpft, muss zunächst gewechselt werden. Besonders in längeren Bosskämpfen entsteht dadurch ein angenehmer Rhythmus.
Monster einsetzen, im richtigen Moment zurückholen, anderen Vertrauten wählen und bei Bedarf wieder einen der menschlichen Charaktere kontrollieren.

Zusätzlich erscheinen während der Kämpfe immer wieder farbige Kugeln auf dem Feld. Sie regenerieren unter anderem Lebens- oder Magiepunkte und sorgen dafür, dass die eigene Positionierung zumindest ein wenig Bedeutung besitzt.
Das Kampfsystem wird dadurch zwar nie ausgesprochen komplex. Langweilig ist es aber ebenfalls nicht.
Pokémon lässt ein wenig grüßen
Besiegte Monster können später zu neuen Vertrauten werden. Allerdings entscheidet darüber nicht unbedingt die große Kunst des Monsterzähmens.
Vielmehr muss man hoffen, dass ein besiegtes Wesen nach einem Kampf überhaupt Interesse daran zeigt, sich Oliver anzuschließen. Wer unbedingt ein bestimmtes Monster haben möchte, darf also unter Umständen etwas Geduld mitbringen.

Die Gemeinsamkeiten mit Pokémon enden damit nicht vollständig. Vertraute steigen im Level auf und können sich schließlich weiterentwickeln. Später stehen teilweise sogar verschiedene Entwicklungsrichtungen zur Auswahl.
Dadurch macht es durchaus Spaß, unterschiedliche Monster auszuprobieren und eine eigene kleine Truppe aufzubauen. Ein perfektes Balancing sollte man allerdings nicht erwarten.
Hat man einige besonders starke Vertraute gefunden, gibt es vergleichsweise wenig Anlass, ständig wieder das komplette Team auszutauschen.

Trotzdem gehört das Sammeln und Entwickeln der Kreaturen zu den motivierendsten Elementen des Spiels. Schade ist nur, dass Ni no Kuni so lange wartet, bevor es dem Spieler diesen Teil seines Systems vollständig überlässt.
Mit einer vollständigen Gruppe wird alles besser
Das gilt generell für die Kämpfe. Sobald Oliver nicht mehr allein unterwegs ist und schließlich eine vollständige Gruppe zur Verfügung steht, entwickelt das Kampfsystem deutlich mehr Dynamik.
Nun muss zwischen verschiedenen Charakteren und Vertrauten gewechselt werden. Gerade bei Bossen spielt zudem das Timing eine größere Rolle. Bestimmte gegnerische Attacken können beispielsweise unterbrochen werden, wenn im richtigen Moment reagiert wird.

Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad bleibt das Abenteuer insgesamt fair. Wer hauptsächlich die Geschichte erleben möchte, kann den Schwierigkeitsgrad zusätzlich reduzieren. Das passt zum gesamten Charakter des Spiels.
Ni no Kuni möchte weniger ein gnadenloses Rollenspiel sein als ein zugängliches Fantasy-Abenteuer. Gerade für Menschen, die bislang kaum Berührung mit JRPGs hatten, funktioniert das ausgesprochen gut. Erfahrenere Spieler müssen dafür akzeptieren, dass manche Mechaniken etwas oberflächlicher bleiben.
Gebrochene Herzen am laufenden Band
Auch abseits der Haupthandlung gibt es reichlich zu erledigen. Zahlreiche Bewohner verteilen Nebenaufgaben, zusätzlich warten Monsterjagden. Die eigentlichen Missionsziele sind häufig relativ gewöhnlich. Etwas finden. Etwas bringen. Ein Monster besiegen. Der übliche JRPG-Arbeitsalltag also.
Interessanter sind die Belohnungen. Für abgeschlossene Aufgaben erhält Oliver Stempel. Ist eine Stempelkarte vollständig gefüllt, lassen sich verschiedene dauerhafte Vorteile freischalten.
Beispielsweise können häufiger hilfreiche Kugeln im Kampf erscheinen oder Olivers Bewegung auf der Weltkarte verbessert werden.

Eine besonders charmante Idee sind die gebrochenen Herzen. Manche Bewohner haben beispielsweise ihren Mut, ihre Begeisterung oder eine andere positive Eigenschaft verloren.
Oliver kann einen Überschuss dieser Emotion von einem anderen Menschen aufnehmen und anschließend weitergeben. Natürlich fragt er vorher höflich um Erlaubnis. Wir sind schließlich keine emotionalen Taschendiebe.
Die Grundidee passt hervorragend zum märchenhaften Charakter des Spiels. Leider wird sie innerhalb der Nebenaufgaben derart häufig wiederholt, dass sie irgendwann einen Teil ihrer Besonderheit verliert.
Ein Zauberbuch, das tatsächlich benutzt werden möchte
Deutlich interessanter ist die Art, wie der Magische Begleiter in einige Aufgaben eingebunden wird. Besonders Horazio stellt Oliver regelmäßig Fragen, deren Antworten sich tatsächlich im Buch verstecken. Wer sie lösen möchte, muss also gelegentlich nachschlagen. Das ist eine erstaunlich schöne Idee.

Das Buch ist dadurch eben nicht nur ein Gegenstand, der innerhalb der Geschichte wichtig sein soll. Der Spieler benutzt es tatsächlich. Davon hätte es gerne noch wesentlich mehr geben dürfen.
Gerade weil Ni no Kuni seine Welt so liebevoll aufbaut, funktionieren solche kleinen Elemente hervorragend. Sie lassen Olivers Abenteuer weniger wie eine Reihe von Questmarkern und stärker wie eine tatsächliche Reise wirken.
Die Welt ist immer noch der eigentliche Star
Technisch mögen inzwischen viele Jahre vergangen sein. Die künstlerische Gestaltung ist dagegen kaum gealtert.
Städte sehen aus wie kleine Illustrationen. Dungeons besitzen teilweise ausgesprochen kreative Themen. Die Weltkarte wirkt wie eine bewegliche Zeichnung. Und beinahe überall entdeckt man irgendwelche kleinen Details.

Gerade die Verbindung aus LEVEL-5s Spielwelt und Studio Ghiblis Animationsstil verleiht Ni no Kuni eine Identität, die bis heute ungewöhnlich ist. Die Remastered-Version verändert daran glücklicherweise wenig und konzentriert sich auf höhere Auflösung und eine bessere technische Darstellung. Auf PS4 und PC waren unter anderem höhere Auflösungen und 60 Bilder pro Sekunde möglich.
Dazu kommt Joe Hisaishis Musik. Der orchestrale Soundtrack vermittelt genau dieses Gefühl eines großen, märchenhaften Abenteuers und trägt einen erheblichen Anteil dazu bei, dass selbst ein gewöhnlicher Spaziergang über die Weltkarte manchmal größer wirkt, als er eigentlich ist.

Wenn Ni no Kuni brilliert, dann genau hier. Nicht unbedingt durch besonders komplexe Systeme. Sondern durch Atmosphäre.
Fazit – Ein wunderschönes Abenteuer, das etwas zu viel Zeit braucht
Ni no Kuni: Der Fluch der Weißen Königin besitzt bis heute etwas Besonderes. Seine Spielwelt ist malerisch, der Soundtrack großartig und die Verbindung aus klassischem JRPG und Ghibli-Ästhetik sorgt für einen Charme, den nur wenige andere Rollenspiele erreichen.
Auch das Kampfsystem macht Spaß. Vertraute sammeln, entwickeln und während der Kämpfe zwischen verschiedenen Charakteren wechseln funktioniert erstaunlich gut – sobald das Spiel endlich sämtliche Möglichkeiten freigeschaltet hat.
Und genau dort liegt seine größte Schwäche. Ni no Kuni braucht zu lange, um richtig in Fahrt zu kommen. Der Einstieg wird von zahlreichen Tutorials, langen Wegen und nur langsam freigeschalteten Funktionen ausgebremst. Auch später gibt es Abschnitte, die deutlich straffer hätten ausfallen können.
Die Geschichte erreicht nach ihrem emotional starken Beginn ebenfalls nicht mehr ganz dasselbe Niveau. Dafür bleibt Olivers Reise durchgehend sympathisch und besitzt mit Tröpfchen einen Begleiter, der selbst schwächeren Abschnitten immer wieder Persönlichkeit verleiht.
Wer möglichst komplexe Kämpfe oder ein ausgesprochen anspruchsvolles JRPG sucht, findet anderswo mehr Tiefe. Wer dagegen Lust auf ein klassisches, zugängliches Fantasy-Abenteuer hat und schon immer einmal wissen wollte, wie sich ein spielbarer Ghibli-Film ungefähr anfühlen könnte, sollte Olivers Reise auch heute noch eine Chance geben.
Denn trotz seiner Schwächen gelingt Ni no Kuni etwas, das deutlich schwieriger ist als ein perfektes Kampfsystem:
Es erschafft eine Welt, die man auch nach dem Abspann nur ungern wieder verlässt.
