Manche Rollenspiele verschwinden nach ihrer Veröffentlichung für Jahrzehnte in den Archiven ihrer Hersteller. Andere kehren immer wieder zurück, als wollten sie jede neue Generation daran erinnern, dass ihre Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist. Lunar: Silver Star Story Complete gehört eindeutig zur zweiten Gruppe. Als die Lunar Remastered Collection Ende 2024 angekündigt wurde, dürften trotzdem nur wenige damit gerechnet haben, dass ausgerechnet diese kleine JRPG-Reihe noch einmal auf modernen Plattformen landen würde.
Dabei hat das erste Lunar bereits eine erstaunlich lange Reise hinter sich. Das ursprüngliche Lunar: The Silver Star erschien 1992 für das Sega CD. Schon 1996 folgte für den Sega Saturn eine umfangreiche Neuinterpretation, aus der später die PlayStation-Fassung hervorging. Diese kam 1998 in Japan und 1999 als Lunar: Silver Star Story Complete mit einer berühmt-berüchtigten Lokalisierung von Working Designs nach Nordamerika. Danach wurde Alex’ Abenteuer unter anderem für Game Boy Advance, PlayStation Portable und mobile Geräte erneut aufgegriffen. Wenn ein Rollenspiel Anspruch auf den Titel „Meister der Neuauflagen“ erheben darf, dann vermutlich dieses.

Am 18. April 2025 kehrten schließlich Lunar: Silver Star Story Complete und Lunar 2: Eternal Blue Complete gemeinsam zurück. Die Sammlung erschien für PlayStation 4, Nintendo Switch, Xbox One und PC; auf PlayStation 5 beziehungsweise Xbox Series X|S lässt sie sich über die Abwärtskompatibilität spielen. Neben überarbeiteter Grafik, einer erhöhten Kampfgeschwindigkeit und zusätzlichen Automatikoptionen enthält die Neuauflage erstmals vollständige deutsche Bildschirmtexte. Genau deshalb ist dies für viele deutschsprachige Spieler die erste realistische Gelegenheit, einen der bekanntesten Außenseiter der 16- und 32-Bit-Ära nachzuholen.
Doch die Anzahl der Neuauflagen beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Warum wird ausgerechnet dieses Abenteuer immer wieder hervorgeholt? Hat Lunar: Silver Star Story Complete all diese zweiten, dritten und vierten Chancen tatsächlich verdient – oder lebt sein Ruf hauptsächlich von einer Nostalgie, die Neueinsteiger kaum noch nachvollziehen können?
Spieldaten zu Lunar: Silver Star Story Complete
Veröffentlichung der Remastered Collection: 18. April 2025
Plattformen: PlayStation 4, Nintendo Switch, Xbox One und PC; kompatibel mit PlayStation 5 und Xbox Series X|S
Original: Lunar: The Silver Star, 1992 für Sega CD
Enthaltene Fassung: Remaster der PlayStation-Version Lunar: Silver Star Story Complete
Entwicklung: Ashibi Co., Ltd. und Game Arts
Publisher: GungHo Online Entertainment America
Genre: Klassisches rundenbasiertes JRPG
Spielmodus: Einzelspieler
Sprachausgabe: Englisch oder Japanisch
Bildschirmtexte: Unter anderem Deutsch, Englisch, Französisch und Japanisch
Besonderheiten: Remastered- und Klassik-Modus, dreifache Kampfgeschwindigkeit, überarbeitetes Auto-Battle-System, sichtbare Gegner und Anime-Zwischensequenzen
Vom stillen Bergdorf zum nächsten Drachenmeister
Alex lebt im beschaulichen Bergdorf Burg. Der Teenager führt kein besonders aufregendes Leben, besitzt aber einen Traum, der kaum größer sein könnte: Er möchte in die Fußstapfen des legendären Drachenmeisters Dyne treten. Ein Drachenmeister hat die gesamte Welt bereist, die Prüfungen der vier heiligen Drachen bestanden und sich deren Anerkennung verdient. Dyne ist jedoch schon vor langer Zeit verschwunden, und seitdem hat niemand seinen Platz eingenommen.

Gemeinsam mit seiner Kindheitsfreundin Luna, dem geschäftstüchtigen Ramus und dem kleinen geflügelten Begleiter Nall macht sich Alex zunächst auf den Weg zum Weißen Drachen. Der lebt praktischerweise in einer Höhle unweit des Dorfes und erkennt schnell das Potenzial des jungen Abenteurers. Für Alex ist diese Begegnung der Anstoß, auf den er sein ganzes Leben gewartet hat. Er verlässt seine Heimat und beginnt eine Reise, die ihn zu den übrigen Drachen und damit quer durch die gesamte Welt von Lunar führen soll.

Das ist der Kern der Handlung, und lange Zeit bleibt es auch beinahe alles, was sie zu bieten hat. Alex reist von Ort zu Ort, hilft den Menschen bei ihren lokalen Problemen und kommt seinem Ziel schrittweise näher. Natürlich gibt es Gegenspieler und eine größere Bedrohung, doch diese hält sich über weite Strecken so weit im Hintergrund, dass dem Abenteuer lange ein klarer dramatischer Zug fehlt. Viele Wendungen sind zudem deutlich zu erkennen, bevor das Spiel sie selbst enthüllt. Wer regelmäßig klassische JRPGs spielt, dürfte einige Geheimnisse schon nach wenigen Andeutungen durchschauen.
Erst im letzten Abschnitt zieht die Geschichte merklich an. Dann entstehen endlich Konflikte, die über das nächste Dorfproblem hinausgehen, und mehrere zuvor gesetzte Elemente erhalten eine größere Bedeutung. Gerade als Lunar erzählerisch richtig Fahrt aufnimmt, nähert sich das Abenteuer allerdings bereits seinem Ende. Dadurch bleibt der Eindruck zurück, dass die Handlung ihr eigentliches Potenzial zu spät entdeckt. Aus dem starken Grundmotiv rund um Vorbilder, Verantwortung und die Bedeutung eines Drachenmeisters hätte sich wesentlich mehr entwickeln lassen.

Vollkommen belanglos ist die Reise trotzdem nicht. Dafür wechselt die Gruppenkonstellation regelmäßig genug, um den Verlauf lebendig zu halten. Manche Figuren stoßen nur zeitweise hinzu, andere verlassen die Gruppe wieder, und nicht jeder Charakter verfolgt dasselbe Ziel. Diese Veränderungen geben der Handlung eine Dynamik, die ihr auf rein inhaltlicher Ebene häufig fehlt. Wir haben dadurch tatsächlich das Gefühl, mit einer kleinen Reisegesellschaft unterwegs zu sein, deren Mitglieder eigene Wege und Verpflichtungen besitzen.
Wenn die Atmosphäre stärker ist als die Geschichte
Die Handlung von Lunar: Silver Star Story Complete ist nur eine Seite des Spiels. Auf der anderen befinden sich seine Figuren, seine Städte und vor allem eine bemerkenswert warme Abenteuerstimmung. Genau dort liegt die große Stärke des Klassikers. Wichtige Charaktere werden häufig durch kurze Anime-Sequenzen eingeführt. Zusammen mit der wahlweise englischen oder japanischen Sprachausgabe vermittelt das schon nach wenigen Augenblicken einen klaren Eindruck davon, welche Rolle eine Figur innerhalb der Gruppe einnehmen wird.

Die Charaktere sind nicht außergewöhnlich komplex. Alex ist der gutherzige Nachwuchsheld, Luna verkörpert den emotionalen Mittelpunkt der Reise und Ramus wittert hinter beinahe jedem Fundstück ein gutes Geschäft. Später schließen sich weitere Figuren an, die ebenfalls mit klar erkennbaren Eigenschaften auftreten. Das Spiel versucht nur selten, diese Rollen vollständig aufzubrechen. Trotzdem funktioniert die Gruppe, weil ihre Mitglieder miteinander scherzen, sich gegenseitig aufziehen und der Reise eine Persönlichkeit verleihen, die der eigentlichen Geschichte fehlt.
Besonders wichtig ist dabei, dass Lunar sich nicht permanent selbst ernst nimmt. Zwischen großen Reden über Helden und Schicksal bleibt genügend Platz für kleine Albernheiten, übertriebene Reaktionen und Dialoge, die sichtbar Spaß an ihren Figuren haben. Nicht jeder Witz trifft ins Schwarze, und manche Zeile trägt noch deutlich den Geist einer sehr freien englischen Neunzigerjahre-Lokalisierung in sich. Insgesamt verhindert der Humor aber, dass die klassische Heldengeschichte in ihrer eigenen Vorhersehbarkeit versinkt.

Auch die Orte leisten einen großen Beitrag. Die Hafen- und Handelsstadt Meribia vermittelt ein vollkommen anderes Gefühl als die magisch geprägte Stadt Vane. Dörfer, Wälder, Höhlen und Tempel sind nicht gigantisch, besitzen aber klare visuelle Identitäten. Wir erinnern uns weniger an komplizierte Stadtpläne als an Farben, Musik und kleine Begegnungen. Das klingt zunächst unspektakulär, ist für ein Abenteuer dieser Art jedoch entscheidend. Lunar verkauft uns keine Welt voller politischer Intrigen oder jahrhundertealter Geschichtsbücher. Es verkauft uns das Gefühl, gemeinsam mit Freunden zum ersten Mal über die Grenzen des eigenen Dorfes hinauszureisen.

Die klassische Weltkarte verstärkt diesen Eindruck. Neue Ziele werden nicht über ein modernes Schnellreisemenü ausgewählt, sondern liegen sichtbar auf einer Karte, die unsere bisherige Route und die noch unbekannten Regionen miteinander verbindet. Zwar bewegen wir Alex nicht frei über jeden Zentimeter der Welt, dennoch vermittelt die Karte ein angenehmes Gefühl von Entfernung. Nach wenigen Stunden haben wir bereits zahlreiche Orte besucht, ohne dass die Reise gehetzt wirkt.

So entsteht ein interessanter Widerspruch: Die Geschichte selbst bleibt über weite Strecken dünn, doch das Erlebnis fühlt sich trotzdem rund an. Lunar weiß ziemlich genau, welche Art von Abenteuer es erzählen möchte. Es ist eine leichte, optimistische Heldengeschichte ohne den Zwang, jede Figur mit einem tragischen Trauma und jede Stadt mit einer politischen Verschwörung auszustatten. Gerade weil Welt, Musik, Humor und Charaktere dieselbe Richtung verfolgen, kann die Atmosphäre viele erzählerische Schwächen auffangen.
Ein altmodischer Reiseverlauf mit erstaunlich gutem Tempo
Spielerisch folgt Lunar: Silver Star Story Complete einem Rhythmus, den Genre-Fans sofort erkennen. Wir erreichen eine neue Stadt, lernen deren Bewohner kennen und stoßen auf ein lokales Problem. Danach führt uns die Reise meist in einen nahe gelegenen Dungeon, an dessen Ende eine wichtige Begegnung oder ein Boss wartet. Sobald der Konflikt gelöst ist, öffnet sich der Weg zum nächsten Ort. Dieses Schema wiederholt sich konsequent.

Für manche Spieler dürfte dieser Aufbau heute vorhersehbar und altmodisch wirken. Das Spiel erschien in seiner ursprünglichen Form immerhin vor mehr als drei Jahrzehnten und versucht nicht, diese Herkunft zu verstecken. Gleichzeitig besitzt die klare Struktur einen Vorteil: Das Pacing bleibt angenehm. Wir verweilen selten so lange in einer Stadt oder einem Dungeon, dass der aktuelle Abschnitt ermüdet. Neue Schauplätze, Figuren und kleine Konflikte folgen schnell genug aufeinander, um die Reise in Bewegung zu halten.
Auch die Dungeons halten sich mit komplizierten Mechaniken zurück. Meist erkunden wir überschaubare Räume, sammeln Truhen ein und suchen den Weg zum nächsten Ausgang. Große Rätsel oder verschachtelte Ebenen erwarten uns nur selten. Dafür sind die Gegner direkt in der Umgebung sichtbar. Zufallskämpfe gibt es nicht, und theoretisch können wir einigen Auseinandersetzungen ausweichen. In engen Gängen oder dicht besetzten Räumen klappt das allerdings längst nicht immer. Wer sämtliche Begegnungen umgeht, riskiert außerdem, für spätere Bosse nicht ausreichend vorbereitet zu sein.

Die fehlenden Zufallskämpfe sind trotzdem ein großer Pluspunkt. Wir behalten zumindest ein gewisses Maß an Kontrolle darüber, wann wir uns auf eine Auseinandersetzung einlassen. Gleichzeitig bleibt die Erkundung lesbar: Ein sichtbares Monster kann einen Gang blockieren, eine Truhe bewachen oder uns zu einem Umweg zwingen. Das ist keine revolutionäre Gestaltung, wirkt aber wesentlich angenehmer als ein unsichtbarer Kampfzähler, der alle paar Schritte eine weitere Begegnung auslöst.

Nebenaufgaben und optionale Systeme spielen nur eine kleine Rolle. Lunar konzentriert sich auf seine Hauptreise und führt uns relativ geradlinig durch die Welt. Das macht das Abenteuer zugänglich, begrenzt jedoch den eigenen Gestaltungsspielraum. Wer umfangreiche Charakterbauten, verzweigte Nebenhandlungen oder eine offene Welt erwartet, wird kaum etwas davon finden. Wer dagegen gern einem klar geführten klassischen JRPG folgt, erhält einen Spielfluss, der trotz seines Alters erstaunlich selten ins Stocken gerät.
Simple Kämpfe, die vom Remaster gerettet werden
Die Auseinandersetzungen laufen rundenbasiert ab. Wir wählen Angriffe, Magie, Fähigkeiten, Gegenstände oder defensive Befehle aus und beobachten anschließend, wie die Figuren ihre Aktionen ausführen. Position, Entfernung und Reichweite spielen grundsätzlich eine Rolle, weil sich die Charaktere während ihrer Angriffe über das Schlachtfeld bewegen. In der Praxis entwickelt sich daraus jedoch nur selten ein System, das uns zu besonders ausgefallenen taktischen Entscheidungen zwingt.

Meist reicht es, normale Gegner mit den naheliegenden Befehlen zu beseitigen und stärkere Fähigkeiten für größere Gruppen oder Bosse aufzuheben. Die Figuren lernen ihre Techniken hauptsächlich über Levelaufstiege, während neue Waffen, Rüstungen und Accessoires ihre Werte verbessern. Komplexe Talentbäume, Klassenwechsel oder frei kombinierbare Fähigkeiten gibt es nicht. Die Charakterentwicklung erfüllt ihren Zweck, bietet aber kaum Raum für persönliche Builds.
Das größte Problem ist zunächst das Tempo. In der voreingestellten Geschwindigkeit bewegen sich Figuren und Gegner ausgesprochen gemächlich über das Feld. Ein einzelner Standardkampf dauert dadurch länger, als es seine taktische Substanz rechtfertigt. Da in den Dungeons zahlreiche Monster unterwegs sind, summieren sich diese zusätzlichen Sekunden schnell zu einer spürbaren Belastung.

Genau an dieser Stelle verbessert die Remastered Collection das Erlebnis deutlich. Die Kampfgeschwindigkeit kann jederzeit zwischen drei Stufen umgeschaltet werden. Auf der höchsten Einstellung verlieren gewöhnliche Begegnungen einen großen Teil ihrer Trägheit. Befehle werden zügig ausgeführt, Animationen bleiben erkennbar und der nächste Erkundungsabschnitt ist schnell erreicht. Das Kampfsystem wird dadurch nicht tiefer, aber sein Verhältnis aus Aufwand und Belohnung fühlt sich wesentlich vernünftiger an.
Zusätzlich wurde das automatische Kämpfen erweitert. Für einzelne Gruppenmitglieder lässt sich festlegen, wie sich die KI verhalten soll. Sie agiert nicht perfekt, kommt mit einfachen Gegnergruppen aber erstaunlich gut zurecht. Gerade auf dem Weg durch längere Dungeons konnten wir dadurch viele Routinekämpfe beschleunigen, ohne ständig dieselben Befehle erneut auszuwählen. Bei Bossen oder gefährlicheren Konstellationen übernehmen wir selbstverständlich wieder selbst.

Normalerweise klingt es nicht wie ein großes Kompliment, wenn ein Kampfsystem vor allem dann angenehm wird, sobald wir einen Teil davon automatisieren. Bei Lunar passt diese Lösung jedoch erstaunlich gut zum restlichen Abenteuer. Die Kämpfe sind nicht der Hauptgrund, weshalb wir weiterspielen. Sie verbinden Städte, Dialoge und neue Schauplätze miteinander. Durch die höhere Geschwindigkeit und die brauchbare KI nehmen sie nicht mehr Raum ein, als ihnen spielerisch zusteht.
Bosskämpfe verlangen etwas mehr Aufmerksamkeit. Heilung, Ressourcen und die besonderen Stärken der einzelnen Figuren erhalten hier größere Bedeutung. Trotzdem bleibt der Schwierigkeitsgrad über weite Strecken überschaubar, solange wir nicht jedem sichtbaren Gegner ausweichen und regelmäßig neue Ausrüstung kaufen. Wer ein tiefes Strategiespiel sucht, wird auch in diesen Begegnungen nicht fündig. Als unkomplizierte Begleitung der Reise funktioniert das System in der modernisierten Form jedoch ordentlich.

Das Remaster zwischen liebevoller Bewahrung und weichen Pixeln
Die Remastered Collection bietet einen überarbeiteten 16:9-Modus sowie einen Klassik-Modus im ursprünglichen 4:3-Format. Im Remastered-Modus wurden Hintergründe, Figuren, Porträts, Menüelemente und Anime-Sequenzen für moderne Bildschirme angepasst. Der Klassik-Modus greift auf die ursprünglicheren Darstellungen zurück und ergänzt mehrere CRT-Filter. Dadurch kann jeder selbst entscheiden, ob die Neuauflage oder ein nostalgischeres Bild bevorzugt wird.

Die modernisierte Präsentation hinterlässt einen gemischten Eindruck. In Städten und farbenfrohen Außenbereichen funktioniert sie häufig hervorragend. Die kräftigen Farben, klaren Charakterporträts und detailreichen Sprite-Animationen unterstützen genau jene freundliche Abenteuerstimmung, die das Spiel auszeichnet. Besonders die bekannten Anime-Sequenzen profitieren davon, dass sie nun sauberer auf modernen Bildschirmen dargestellt und vollständig untertitelt werden.
An anderen Stellen wirken Hintergründe und einzelne Grafikelemente jedoch auffällig weich. Statt wie sorgfältig restaurierte Pixelkunst sehen manche Flächen aus, als seien sie lediglich vergrößert und geglättet worden. Das ist besonders schade, weil die ursprüngliche Grafik auch heute noch sehr viel Charme besitzt. Eine konsequentere Überarbeitung hätte die Details bewahren können, ohne den Retrocharakter zu verlieren.

Die Möglichkeit, jederzeit zwischen Remastered- und Klassik-Modus zu wählen, fängt diesen Kritikpunkt zumindest teilweise auf. Puristen müssen sich nicht mit jeder optischen Änderung arrangieren, während Neueinsteiger ein breiteres Bild und modernisierte Menüs erhalten. Dennoch wäre es schön gewesen, wenn der überarbeitete Modus durchgängig dieselbe Qualität erreicht hätte. Die Neuauflage sieht nicht schlecht aus – sie schwankt nur auffällig zwischen sehr stimmig und sichtbar hochskaliert.

Der Soundtrack gehört dagegen eindeutig zu den Stärken. Die Musik begleitet kleine Dörfer, große Reiseabschnitte und dramatischere Momente mit genau der richtigen Mischung aus Leichtigkeit und Abenteuerlust. Viele Melodien bleiben schnell im Gedächtnis, ohne sich unangenehm in den Vordergrund zu drängen. Gemeinsam mit den Anime-Einspielern trägt der Soundtrack einen erheblichen Teil jener Atmosphäre, die Lunar auch dann zusammenhält, wenn die Handlung wenig Neues erzählt.
Bei der Sprachausgabe dürfen wir zwischen einer neu aufgenommenen englischen Fassung und japanischen Stimmen wählen. Vollständige deutsche Untertitel stehen nicht nur in normalen Gesprächen, sondern auch während der Anime-Sequenzen zur Verfügung. Damit ist das Abenteuer erstmals offiziell komplett auf Deutsch spielbar. Die Übersetzung ist verständlich, klingt stellenweise aber sehr nah an ihrer englischen Vorlage. Begriffe wie „Weißdrachenhöhle“ sind nicht falsch, wirken im Deutschen jedoch etwas steif. Solche Formulierungen stören das Verständnis kaum, erinnern aber immer wieder daran, dass die Lokalisierung nicht überall vollkommen natürlich klingt.

Inhaltlich bleibt die Neuauflage bewusst nah an der PlayStation-Fassung. Wer eine radikale Modernisierung mit neuen Gebieten, zusätzlichen Figuren oder grundlegend umgebauten Systemen erwartet, sollte seine Erwartungen entsprechend anpassen. Die Verbesserungen konzentrieren sich auf Zugänglichkeit, Darstellung und Tempo. Gerade die beschleunigten Kämpfe, die überarbeitete KI, das optionale gemeinsame Inventar und die deutsche Übersetzung sind aber genau jene Änderungen, die den größten Unterschied im Alltag machen.
Für wen lohnt sich die Rückkehr nach Lunar?
Lunar: Silver Star Story Complete ist kein Rollenspiel für jeden Geschmack. Seine Geschichte bleibt flach, sein Kampfsystem besitzt wenig Tiefe und sein Spielablauf folgt einem Muster, das bereits in den Neunzigerjahren vertraut war. Die Remastered Collection verbirgt diese Eigenschaften nicht. Sie glättet einige Kanten, beschleunigt die Routine und macht das Abenteuer erstmals für ein deutsches Publikum vollständig zugänglich, verwandelt es aber nicht in ein modernes JRPG.

Gerade deshalb ist die Zielgruppe klar. Fans klassischer Rollenspiele, die gern einer festen Heldengruppe durch farbenfrohe Städte und überschaubare Dungeons folgen, dürften sich schnell heimisch fühlen. Wer mit älteren JRPGs wenig anfangen kann, wird dagegen vermutlich bereits nach wenigen Stunden an der simplen Charakterentwicklung und der vorhersehbaren Struktur hängen bleiben. Nostalgie ist keine zwingende Voraussetzung, aber eine gewisse Offenheit für die damalige Art des Spieldesigns schon.
Die entscheidende Qualität lässt sich kaum in einem einzelnen System finden. Es ist die Summe aus Musik, Figuren, Anime-Sequenzen, Weltkarte und dem Gefühl eines unbeschwerten Aufbruchs. Lunar erinnert an eine Zeit, in der eine Weltreise nicht zwingend mit dutzenden Nebenaufgaben, Crafting-Menüs und einer offenen Karte gefüllt werden musste. Manchmal reichten ein großes Ziel, eine kleine Gruppe und die Aussicht auf die nächste Stadt.
Fazit – Kein zeitloses Meisterwerk, aber eine Reise mit Herz
Nach all den Neuauflagen ist die Ausgangsfrage berechtigt: Hat Lunar: Silver Star Story Complete wirklich verdient, immer wieder zurückzukehren? Unsere Antwort fällt nicht uneingeschränkt aus – aber sie lautet trotzdem ja.
Als reine Geschichte ist Alex’ Reise erstaunlich gewöhnlich. Sein Ziel steht früh fest, viele Wendungen lassen sich lange im Voraus erkennen und die eigentlichen Gegenspieler bleiben zu lange im Hintergrund. Erst im letzten Abschnitt entwickelt die Handlung jene Dringlichkeit, die wir uns schon wesentlich früher gewünscht hätten. Auch spielerisch liefert Lunar nur selten Argumente, die über das Fundament eines klassischen JRPGs hinausgehen. Die Charakterentwicklung ist schlicht, die Dungeons bleiben überschaubar und den Kämpfen fehlt es an taktischer Tiefe.
Trotzdem besitzt das Spiel etwas, das sich wesentlich schwerer modernisieren lässt als Grafik oder Menüs: eine klare Identität. Die warmherzige Gruppe, die Anime-Sequenzen, die abwechslungsreichen Städte, die klassische Weltkarte und der hervorragende Soundtrack erschaffen gemeinsam eine positive Abenteuerstimmung, die noch immer funktioniert. Wir wollten nicht weiterspielen, weil uns die nächste dramatische Enthüllung beschäftigte. Wir wollten wissen, welchen Ort Alex und seine Freunde als Nächstes erreichen und welche kleine Geschichte dort auf sie wartet.
Die Remastered Collection versteht größtenteils, was sie an diesem Spiel bewahren muss. Der 16:9-Modus sieht nicht überall überzeugend aus und einige Hintergründe wirken unnötig weich. Dafür verbessern die höhere Kampfgeschwindigkeit und das erweiterte Auto-Battle-System den Spielfluss erheblich. Vor allem die vollständigen deutschen Untertitel sind ein wichtiger Schritt, denn sie öffnen die Reise erstmals einem Publikum, das bisher auf englische Texte oder inoffizielle Lösungen angewiesen war.
Wer ein modernes Rollenspiel mit komplexen Systemen, überraschender Handlung und umfangreicher Freiheit erwartet, wird in Lunar: Silver Star Story Complete kaum den erhofften Klassiker erkennen. Wer dagegen bewusst eine geradlinige, charmante und angenehm kompakte Heldenreise aus einer anderen JRPG-Zeit sucht, erhält ein Abenteuer, dessen Schwächen sichtbar sind, dessen Herz aber ebenso wenig zu übersehen ist.
Lunar wurde nicht so oft neu aufgelegt, weil es in jedem Bereich zu den besten Rollenspielen aller Zeiten gehört. Es kehrt immer wieder zurück, weil seine Welt ein Gefühl vermittelt, das erstaunlich wenige Spiele einfangen: den Moment, in dem wir mit Freunden unser kleines Heimatdorf verlassen und überzeugt sind, dass hinter dem nächsten Berg das größte Abenteuer unseres Lebens wartet. Genau dieses Gefühl ist auch nach mehr als drei Jahrzehnten noch eine weitere Reise wert.
