Ein japanischer Oberschüler landet in einer fremden Fantasy-Welt und erfährt kurz darauf, dass er der Auserwählte ist.
Bis hierhin dürfte bei erfahrenen JRPG-Spielern noch niemand überrascht vom Stuhl fallen.
EXSTETRA besitzt allerdings eine etwas ungewöhnlichere Vorstellung davon, wie ein Held seine Mitstreiter auf den bevorstehenden Weltuntergang vorbereitet:
Er küsst sie.
Und zwar keineswegs nur die weiblichen Gruppenmitglieder.
Das 2013 ausschließlich in Japan für PlayStation Vita und Nintendo 3DS veröffentlichte Rollenspiel hat gerade wegen dieser ungewöhnlichen Mechanik über Jahre einen gewissen Ruf entwickelt. Mit dem HD-Remaster ist das Abenteuer nun erstmals offiziell im Westen erhältlich.
Doch steckt hinter dem berühmten Kuss-Gimmick überhaupt ein gutes Rollenspiel? Oder ist EXSTETRA letztlich vor allem eine kuriose Zeitkapsel aus einer ganz bestimmten Ära japanischer Handheld-JRPGs?
🎮 EXSTETRA – Spieldaten
Release PC: 29. Juli 2026
PS5 / Nintendo Switch / Switch 2: 3. September 2026
Original: 7. November 2013 – PS Vita / Nintendo 3DS
Genre: JRPG
Entwickler: FuRyu Corporation
Publisher: FuRyu Corporation
Sprache: Englische Bildschirmtexte · Japanische Sprachausgabe
Deutsche Texte: Nein
Getestet auf: PC
Das Remaster markiert gleichzeitig die erste offizielle Veröffentlichung von EXSTETRA außerhalb Japans.
Wenn Tokio plötzlich zur Fantasy-Welt wird
Ryomas Abenteuer beginnt ausgesprochen direkt.
Er fällt vom Himmel.
Der japanische Schüler kann sich zunächst kaum daran erinnern, was zuvor passiert ist. Er weiß weder genau, wo er sich befindet, noch weshalb er überhaupt hier gelandet ist.
Nur eines ist ziemlich offensichtlich:
Das ist nicht mehr das Tokio, das er kennt.
Kurz nach seinem Erwachen begegnet Ryoma der Priesterin Selene. Sie stammt aus Amazia und erklärt ihm, dass seine Ankunft offenbar keineswegs Zufall ist.
Ryoma soll der sogenannte Prisma sein – ein vorherbestimmter Retter, der Amazia vor einer bevorstehenden Katastrophe bewahren soll.
Ah.
Der Auserwählte.
Herzlichen Glückwunsch.

Ganz so fremdartig ist Amazia allerdings nicht.
Bekannte Orte aus Tokio existieren weiterhin, wurden jedoch mit einer völlig anderen Welt verschmolzen.
Moderne Gebäude stehen plötzlich zwischen Ruinen, Naturformationen und Fantasy-Landschaften. Selbst Gegenden wie Shibuya oder Akihabara wirken dadurch wie Überreste einer Zivilisation, die irgendwann versehentlich in einem JRPG gelandet ist.

Ein Kuss für die Rettung der Welt
Ryoma bleibt natürlich nicht lange allein.
Nach und nach trifft er auf weitere Menschen aus Japan, die ebenfalls nach Amazia gelangt sind.
Und damit diese im Kampf ihre eigentlichen Fähigkeiten entfalten können, muss Ryoma sie zunächst küssen.
Ja.
Genau so.

Wer jetzt erwartet, dass ausschließlich die weiblichen Charaktere für entsprechenden Fanservice herhalten müssen, unterschätzt EXSTETRA allerdings.
Ryoma verteilt seine Küsse ausgesprochen demokratisch.
Auch seine männlichen Begleiter werden nicht verschont.
Damit ist unser Held wahrscheinlich einer der wenigen JRPG-Protagonisten, die wirklich niemanden zurücklassen.
Nach dem entsprechenden Erwachen werden seine Gefährten zu Prisma-Rittern und können ihn bei seiner Aufgabe unterstützen.
Gemeinsam besucht die Gruppe verschiedene Schreine, bekämpft dort Monster und versucht, sowohl Amazia als auch die ursprüngliche Welt zu retten.

Die absurdeste Idee ist leider nicht das eigentliche Problem
Dass EXSTETRA keinen Preis für die originellste JRPG-Grundgeschichte gewinnen wird, dürfte relativ schnell deutlich werden.
Auserwählter Held.
Bedrohter Planet.
Nach und nach größer werdende Gruppe.
Schreine.
Monster.
Welt retten.
Die Zutaten kennt das Genre ziemlich gut.
Das wäre allein noch kein großes Problem.
Leider macht die Geschichte aber überraschend wenig daraus.
Obwohl gleich zwei Welten vor einer Katastrophe stehen, entwickelt sich daraus kaum ein wirklich spannender Konflikt. Die Handlung bleibt über weite Strecken erstaunlich ereignisarm.

Immerhin besitzt die Erzählung einen Vorteil:
Die Dialoge sind meistens angenehm kurz.
EXSTETRA versucht also nicht, eine dünne Handlung durch halbstündige Gespräche plötzlich tiefgründiger erscheinen zu lassen.
Und ausgerechnet die ziemlich alberne Kussthematik besitzt durchaus Charme.
Wir waren irgendwann tatsächlich gespannter darauf, wer als Nächstes dran glauben muss, als darauf, wie sich die eigentliche Weltrettung entwickelt.
Das Problem ist nur:
Das Spiel macht zu wenig damit.
Nach den ersten Überraschungen bleibt der Kuss letztlich hauptsächlich eine Gameplay-Mechanik und ein wiederkehrender Gag.
Angesichts der absurden Prämisse wäre hier wesentlich mehr möglich gewesen.
Sympathische Klischees mit etwas zu viel Zufall
Die Gruppenmitglieder bewegen sich ebenfalls ziemlich deutlich innerhalb bekannter Anime-Stereotypen.
Wirklich unsympathisch sind sie dadurch allerdings nicht.
In der zentralen Siedlung können zusätzliche Charakterereignisse ausgelöst werden. Diese Gespräche erzählen mehr über einzelne Begleiter und verbessern gleichzeitig deren Beziehung zu Ryoma.
Und das ist durchaus relevant.
Denn EXSTETRA besitzt mehrere Enden.

Leider ist der Weg dorthin nicht besonders transparent.
Die entsprechenden Ereignisse wirken teilweise beinahe zufällig verteilt.
Bei einem Charakter können bereits zahlreiche Gespräche verfügbar gewesen sein, während ein anderes Gruppenmitglied kaum zusätzliche Szenen erhält – selbst dann, wenn es permanent Teil der aktiven Gruppe ist.
Dadurch wirkt das Beziehungssystem weniger wie etwas, das der Spieler gezielt entwickelt, und mehr wie etwas, bei dem man gelegentlich nachschaut, ob das Spiel gerade Lust auf eine neue Szene hat.
Auch einige Fanservice-Momente gehen nie besonders weit.
EXSTETRA deutet gerne an.
Und belässt es dann beim Andeuten.
Entweder ganz oder gar nicht wäre vielleicht konsequenter gewesen.
Wald, Höhle, Ruine – und wieder von vorne
Spielerisch verbringt man den Großteil des Abenteuers in Dungeons.
Eine große frei erkundbare Oberwelt gibt es nicht.
Stattdessen bewegt sich Ryoma über eine Weltkarte zwischen den einzelnen Schauplätzen.
Auch die zentrale Siedlung ist kein klassischer begehbarer Ort. Sie besteht überwiegend aus unterschiedlichen Menüpunkten, über die unter anderem Gegenstände gekauft, Ausrüstung verbessert oder Charakterereignisse gestartet werden.

Die eigentlichen Dungeons werden aus einer isometrischen Perspektive erkundet.
Zu Beginn eines Gebiets ist die Karte größtenteils verborgen und wird mit jedem erkundeten Bereich weiter aufgedeckt.
Anfangs sorgt das durchaus für etwas Entdeckerdrang.
Später eher weniger.
Denn die Dungeons werden durchaus groß.
Und vor allem wiederholen sie sich.
Sehr.

Wald.
Höhle.
Ruine.
Das ist ungefähr die heilige Dreifaltigkeit von EXSTETRA.
Leider keine besonders heilige.

Gerade bei längeren Ausflügen wird die fehlende Abwechslung schnell ermüdend.
Das ist schade, weil ausgerechnet Amazias Mischung aus moderner japanischer Großstadt und Fantasy-Welt eigentlich jede Menge Möglichkeiten für ungewöhnliche Schauplätze bieten würde.
Die Kämpfe sind überraschend ordentlich
Umso erfreulicher ist, dass das eigentliche Kampfsystem deutlich besser funktioniert.
Die meisten Begegnungen entstehen klassisch über Zufallskämpfe.
Gelegentlich stehen allerdings auch Gegner sichtbar in den Dungeons herum.
Warum ausgerechnet diese sichtbar sind?
Keine Ahnung.
Stärker sind sie jedenfalls nicht zwingend.
Die Kämpfe selbst laufen rundenbasiert ab.
Bis zu vier Charaktere nehmen gleichzeitig teil.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Formation.
Figuren können entweder in der vorderen oder hinteren Reihe stehen.
Das gilt auch für die Gegner.
Die Position beeinflusst Reichweite und Effektivität verschiedener Angriffe.
Besonders interessant wird es, sobald Charaktere zurückgedrängt werden.
Landet ein Nahkämpfer plötzlich in der hinteren Reihe, kann es sinnvoll sein, ihn zunächst wieder nach vorne zu bewegen.
Umgekehrt lässt sich auch die gegnerische Formation gezielt durcheinanderbringen.
Das ist kein revolutionäres System.
Es sorgt aber dafür, dass man die Positionierung zumindest nicht vollkommen ignorieren kann.

Jetzt wird wieder geknutscht
Auch innerhalb der Kämpfe kehrt das zentrale Gimmick zurück.
Für besiegte Gegner erhält Ryoma Energie.
Diese kann anschließend unter anderem für besonders starke EXS-Angriffe eingesetzt werden.
Und natürlich funktioniert deren Aktivierung über einen Kuss.
Ryoma nähert sich seinem jeweiligen Gruppenmitglied, während sich eine Anzeige füllt.
Im richtigen Moment lässt man los.
Je besser das Timing, desto stärker fällt der Effekt aus.
Mehrere erfolgreiche Küsse können die Attacke zusätzlich verstärken.

Beim ersten Mal ist das ziemlich lustig.
Beim zweiten Mal ebenfalls.
Beim zehnten Mal kennt man den Witz dann allerdings.
Irgendwann ist es eben keine vollkommen absurde JRPG-Idee mehr.
Dann ist es einfach die Animation eines Spezialangriffs, die man möglichst schnell hinter sich bringen möchte.
Zum Glück besitzt die aktuelle Fassung Möglichkeiten, diese Sequenzen zu verkürzen beziehungsweise zu überspringen.
Ein altes JRPG mit angenehm modernen Schaltern
Generell gehören die Komfortfunktionen zu den sinnvollsten Neuerungen der Neuauflage.
Besonders empfehlenswert ist die erhöhte Kampfgeschwindigkeit.
Denn in normalem Tempo ziehen sich die Auseinandersetzungen durchaus.
Zusätzlich stehen automatisierte Kämpfe zur Verfügung.

Auch nach einer Niederlage verhält sich das Spiel angenehm unkompliziert.
Ein Kampf kann direkt wiederholt werden.
Außerdem lässt sich fast jederzeit speichern.
Das ist insbesondere deshalb hilfreich, weil EXSTETRA auf dem normalen Schwierigkeitsgrad keineswegs vollkommen harmlos ist.
Normale Angriffe reichen häufig nicht aus.
Gerade längere Dungeons verlangen zusätzlich etwas Ressourcenmanagement, weil sich die MP-Vorräte irgendwann merklich leeren.
Wer hauptsächlich das Spiel kennenlernen möchte, kann guten Gewissens den leichteren Schwierigkeitsgrad wählen.
Den würden wir sogar empfehlen.
Auf Normal werden die Kämpfe zwar taktisch interessanter – gleichzeitig aber häufig auch so lang, dass der zusätzliche Anspruch irgendwann eher in Ermüdung übergeht.
Enchanting ist der heimliche Star
Eine der angenehmsten Überraschungen ist das Enchanting-System.
Waffen, Rüstungen und Accessoires können mit zusätzlichen Eigenschaften ausgestattet werden.
Dafür werden entsprechende Materialien beziehungsweise Items in den Dungeons gesammelt und anschließend mit der Ausrüstung verbunden.
Mehrere freie Kopplungsplätze erlauben unterschiedliche Kombinationen.

Zum Beispiel lässt sich die Zahl einzelner Treffer erhöhen oder die Genauigkeit einer Waffe verbessern.
Andere Gegenstände besitzen bereits von Natur aus bestimmte Effekte.
Dadurch ist die Waffe mit dem höchsten reinen Angriffswert nicht automatisch die beste Wahl.
Eine nominell schwächere Alternative kann durch passende Eigenschaften wesentlich besser zur eigenen Strategie passen.
Gerade vor Bosskämpfen lohnt sich deshalb ein regelmäßiger Blick auf die Ausrüstung.
Denn die können durchaus ordentlich austeilen.

Auch Zauber lassen sich teilweise an die Ausrüstung koppeln, während die Charaktere gleichzeitig automatisch neue Magie lernen.
Gerade hier zeigt sich, dass hinter dem merkwürdigen Kuss-Ruf tatsächlich ein ziemlich solides Oldschool-JRPG steckt.
Das Gameplay ist letztlich wesentlich interessanter als die Handlung.
Ein HD-Remaster, das manchmal ziemlich wenig HD wirkt
Optisch darf man allerdings keine Wunder erwarten.
Im Kern steckt hier weiterhin ein Handheld-Spiel aus dem Jahr 2013.
Und das sieht man.
Die Umgebungen wirken vergleichsweise schlicht, die Dungeon-Gestaltung wiederholt sich nicht nur spielerisch, sondern auch visuell.
Für eine Neuauflage aus dem Jahr 2026 hätten wir uns trotzdem etwas mehr gewünscht.

In der getesteten Steam-Fassung ließ sich beispielsweise keine deutlich höhere Auflösung auswählen.
Hinzu kamen kleinere Grafikfehler, bei denen die Weltkarte teilweise fast vollständig schwarz dargestellt wurde.
Ob solche Probleme durch spätere Updates beseitigt werden, bleibt abzuwarten.
Die Charaktermodelle und Illustrationen besitzen dagegen einen gewissen nostalgischen Reiz.
Sie sehen sehr deutlich nach einem japanischen Vita-/3DS-Rollenspiel aus der frühen 2010er-Zeit aus.

Generisch?
Teilweise schon.
Aber gleichzeitig auch wie eine kleine Zeitkapsel.
Die kurzen Zwischensequenzen sehen ebenfalls ordentlich aus, kommen allerdings viel zu selten vor.
Musikalisch erfüllt der Soundtrack seinen Zweck und besitzt durchaus einige Stücke, die positiv auffallen.
Fazit – Mehr als nur das JRPG mit der Kussmechanik
EXSTETRA ist kein vergessenes Meisterwerk, dessen jahrelange Japan-Exklusivität eine historische Ungerechtigkeit gewesen wäre.
Dafür gibt es schlicht zu viele Schwächen.
Die Geschichte bleibt trotz ihrer grundsätzlich interessanten Ausgangslage erstaunlich langweilig.
Die Dungeons wiederholen sich viel zu stark.
Das Beziehungssystem wirkt unnötig undurchsichtig.
Und selbst die berühmte Kussmechanik hat ihren Überraschungseffekt irgendwann vollständig verbraucht.
Trotzdem wäre es ebenfalls unfair, das Spiel einfach auf genau diesen Gag zu reduzieren.
Denn dahinter steckt ein überraschend ordentliches klassisches JRPG.
Die rundenbasierten Kämpfe funktionieren, das Formationssystem bringt etwas zusätzliche Taktik hinein und besonders das Enchanting motiviert dazu, unterschiedliche Ausrüstungskombinationen auszuprobieren.
Die neuen Komfortfunktionen helfen außerdem dabei, einige Alterserscheinungen wesentlich erträglicher zu machen.
EXSTETRA ist damit sicherlich kein Pflichtkauf für jeden Genre-Fan.
Wer allerdings eine Schwäche für kleinere, eigenwillige JRPGs aus der Vita- und 3DS-Ära besitzt, bekommt hier ein ziemlich interessantes Stück Rollenspielgeschichte serviert.
Eines, das mehr kann als küssen.
Auch wenn Küssen selbstverständlich weiterhin ziemlich wichtig ist.
Manchmal rettet man eine Fantasy-Welt eben nicht mit einem legendären Schwert.
Manchmal reicht ein guter alter Kuss unter Freunden.
