Ein Junge zieht ein Schwert aus einem Felsen, schlägt kurz darauf ausgesprochen niedliche kleine Tierchen namens Pogopuschel nieder und macht sich gemeinsam mit zwei Begleitern auf den Weg, um die Welt vor einer fliegenden Festung zu retten. Rollenspiele können manchmal erstaunlich unkompliziert sein.
Secret of Mana erschien ursprünglich 1993 in Japan als Seiken Densetsu 2 und erreichte Europa ein Jahr später für das Super Nintendo. Entwickelt wurde das Action-Rollenspiel von Square, während Nintendo die europäische Veröffentlichung übernahm. Heute gehört es zu den bekanntesten Rollenspielen der gesamten 16-Bit-Ära und dürfte für nicht wenige Spieler einer jener Titel gewesen sein, die überhaupt erst das Interesse an japanischen Rollenspielen geweckt haben.
Mehr als drei Jahrzehnte später stellt sich allerdings eine deutlich interessantere Frage als die nach seinem Kultstatus. Wie gut funktioniert Secret of Mana heute noch, wenn wir Nostalgie einmal ein Stück beiseiteschieben? Sind Echtzeitkämpfe, Waffenentwicklung und Magiesystem tatsächlich so zeitlos wie ihr Ruf – und ist die berüchtigte deutsche Übersetzung wirklich ein Makel oder inzwischen längst ein Teil dessen, was dieses Spiel überhaupt so charmant macht?
🎮 Secret of Mana – Spieldaten
Originalrelease: 1993 (Japan)
Europa: 1994
Plattform: Super Nintendo Entertainment System
Genre: Action-JRPG
Entwickler: Square
Publisher in Europa: Nintendo
Kampfsystem: Echtzeit
Spieler: 1–3 Spieler
Besonderheit: Lokaler Koop-Modus
Getestete Fassung: Deutsche SNES-Version
Ein Schwert, ein Wasserfall und ein ziemlich undankbares Heimatdorf
Unser Protagonist führt zunächst ein ausgesprochen unspektakuläres Leben in einem kleinen abgeschiedenen Dorf. Das ändert sich, als er gemeinsam mit einigen anderen Kindern einen verbotenen Bereich in der Nähe eines Wasserfalls erkundet. Natürlich läuft der Ausflug schief. Unser Held stürzt in die Tiefe und findet sich wenig später allein unterhalb des Wasserfalls wieder.

Dort entdeckt er ein altes Schwert, das in einem Stein steckt. Eine geheimnisvolle Stimme fordert ihn auf, die Waffe herauszuziehen – und weil Figuren in Rollenspielen offenbar grundsätzlich großes Vertrauen in geheimnisvolle Stimmen besitzen, macht er genau das.
Dabei handelt es sich allerdings nicht um irgendeine alte Klinge. Unser Held hat das legendäre Manaschwert gefunden, dessen Macht unmittelbar mit dem Gleichgewicht der Welt verbunden ist. Kaum wurde die Waffe aus dem Stein gezogen, erscheinen immer mehr Monster in der Umgebung. Die Bewohner des Heimatdorfes reagieren darauf mit jener Rationalität, für die Dorfbewohner in JRPGs seit Jahrzehnten bekannt sind: Sie geben einfach dem Jungen die Schuld und verbannen ihn.


Zum Glück begegnet unser Held kurz darauf einem Fremden namens Victor, der ihn zum Wasserpalast schickt. Dort erfahren wir, dass das Manaschwert mit verschiedenen Manasamen verbunden werden muss, die über die gesamte Welt verteilt sind. Mana selbst stellt dabei gewissermaßen die Lebensenergie dieser Welt dar, und genau diese Kraft möchte ein mächtiges Imperium für sich nutzen.
Im Mittelpunkt steht eine uralte fliegende Manafestung, mit deren Hilfe bereits in der Vergangenheit die gewaltige Energie des Planeten als Waffe eingesetzt wurde. Die Menschheit stand dadurch schon einmal kurz vor ihrer eigenen Vernichtung. Nun droht sich die Geschichte zu wiederholen, weshalb unser Held die Manasamen finden und das Schwert nach und nach wieder mit seiner ursprünglichen Kraft verbinden muss.

Allein bleibt er dabei nicht lange. Schon bald schließen sich ihm ein Mädchen und eine Koboldin an. Zu dritt bereisen wir fortan die Welt, verstärken das Manaschwert und versuchen nebenbei zu verhindern, dass die Menschheit erneut eine fliegende Superwaffe in Betrieb nimmt.
Eigentlich ein ziemlich vernünftiger Plan.
Viel Tempo, aber erstaunlich wenig Charakterentwicklung
Erzählerisch sollte man von Secret of Mana keine Komplexität späterer Square-Rollenspiele erwarten. Die Geschichte wird sehr knapp erzählt, Dialoge fallen kurz aus und viele Nebenfiguren verschwinden beinahe unmittelbar wieder, nachdem sie ihre Funktion innerhalb der Handlung erfüllt haben. Auch unsere drei Hauptfiguren entwickeln sich nur begrenzt weiter.
Gerade aus heutiger Sicht ist das schade. Das Spiel besitzt durchaus persönliche Schicksalsschläge und einzelne Szenen, aus denen sich erheblich mehr hätte machen lassen. Viele emotionale Momente sind allerdings schon wieder vorbei, bevor sie richtig wirken können. Besonders unser eigentlicher Protagonist bleibt überraschend blass. Er besitzt zwar eine Hintergrundgeschichte, entwickelt sich aber nie zu einer besonders komplexen Hauptfigur.


Diese knappe Erzählweise besitzt gleichzeitig allerdings einen gewaltigen Vorteil: Das Spiel kommt ständig voran. Wir bekommen ein Ziel, reisen in eine neue Region, erkunden einen Dungeon, besiegen einen Boss und ziehen anschließend weiter. Stundenlange Dialogsequenzen oder ausufernde Erklärungen gibt es praktisch nicht.
Dadurch entwickelt Secret of Mana einen Rhythmus, der selbst heute noch hervorragend funktioniert. Nahezu ständig wartet hinter der nächsten Ecke eine neue Landschaft, eine neue Stadt oder ein neuer Dungeon. Selbst wenn die eigentliche Geschichte nicht besonders tiefgründig ist, bleibt die Reise dadurch überraschend motivierend.
Eine Welt, die sich tatsächlich wie eine Reise anfühlt
Gerade die Spielwelt trägt entscheidend dazu bei. Städte, Wälder und Dungeons gehen vielerorts beinahe natürlich ineinander über. Eine klassische Miniaturweltkarte, auf der unser Held plötzlich so groß wie eine ganze Stadt wird, steht zunächst kaum im Mittelpunkt.
Stattdessen verlassen wir einen Ort und laufen direkt durch die Landschaft weiter. Schilder geben Hinweise auf benachbarte Regionen und Wege führen tatsächlich von einer Siedlung zur nächsten. Dadurch entsteht schon früh das Gefühl einer richtigen Reise ins Ungewisse, ohne dass die Welt gleichzeitig völlig unübersichtlich wird.


Die Städte wirken dabei wie kleine Ruhezonen zwischen den gefährlicheren Gebieten. Nach mehreren Kämpfen kommt man in einer neuen Siedlung an, schaut sich bei Händlern um, spricht mit den Bewohnern und macht sich anschließend wieder auf den Weg. Gerade diese einfachen Übergänge tragen erstaunlich viel zur Atmosphäre bei.
Später wird das Reisen erheblich komfortabler. Besonders wichtig ist dabei ein kleiner Drache, mit dem wir schließlich frei über die gesamte Weltkarte fliegen können. Das Super Nintendo nutzt dafür seine berühmte Mode-7-Technik, wodurch sich Landschaften drehen und skalieren lassen und eine überraschend räumliche Wirkung entsteht.


Für damalige Verhältnisse war das spektakulär. Und selbst heute besitzt dieser Moment noch einen besonderen Reiz. Die Orientierung funktioniert allerdings nicht immer perfekt, weil einige Orte aus großer Höhe ziemlich ähnlich aussehen. Wer mehrere Tage Pause einlegt, könnte sich deshalb durchaus fragen, wo die Reise eigentlich weitergehen sollte. Eine moderne Questliste existiert selbstverständlich nicht.
Meistens gibt das Spiel ausreichend Hinweise, dennoch verlangt es etwas mehr Aufmerksamkeit als moderne Rollenspiele. Das gehört zu jenen Altersspuren, mit denen man sich arrangieren muss.
Pogopuschel verprügeln – aber bitte mit 100 Prozent
Das eigentliche Markenzeichen von Secret of Mana war schon damals sein Echtzeitkampfsystem. Zufallskämpfe gibt es nicht. Monster bewegen sich sichtbar durch die Umgebung und ein Wechsel auf einen separaten Kampfbildschirm entfällt ebenfalls. Wenn ein Pogopuschel vor uns herumhoppelt, ziehen wir einfach unsere Waffe und greifen an.
Ganz so hektisch funktioniert das allerdings nicht. Nach jedem Angriff sinkt unsere Kraftanzeige auf 0 Prozent und lädt sich anschließend wieder automatisch auf. Erst bei 100 Prozent entfaltet der nächste reguläre Treffer seine volle Wirkung. Frühzeitig zuzuschlagen ist zwar möglich, verursacht allerdings deutlich weniger Schaden.


Dadurch entsteht ein ungewöhnlicher Rhythmus. Angreifen, Abstand nehmen, Kraft aufladen, neu positionieren und erneut zuschlagen. Secret of Mana ist deshalb kein Buttonmasher, obwohl die Kämpfe vollständig in Echtzeit stattfinden.
Anfangs wirkt das durchaus etwas gewöhnungsbedürftig. Auch die Treffererkennung ist nicht immer besonders präzise. Gelegentlich treffen wir einen Gegner aus einer Entfernung, bei der unsere Waffe ihn eigentlich kaum berühren dürfte – oder eben genau nicht, obwohl der Schlag optisch passen müsste.
Nach kurzer Zeit hat man den Ablauf allerdings verinnerlicht und gerade die Ladefunktion sorgt dafür, dass selbst gewöhnliche Kämpfe einen eigenen Charakter besitzen.

Später lassen sich Waffen noch weiter aufladen. Wird die Angriffstaste nach Erreichen der normalen 100 Prozent weiter gehalten, beginnt eine zusätzliche Ladephase. Wie weit diese reicht, hängt von der jeweiligen Waffenfertigkeit ab. Besonders bei normalen Gegnern ist ein vollständig aufgeladener Spezialangriff nicht immer die effizienteste Lösung, trotzdem erweitert das System die taktischen Möglichkeiten angenehm.
Mit zwei Freunden wird aus einem guten Action-RPG etwas Besonderes
Magie wird erst später freigeschaltet und kann nicht von unserem Hauptcharakter selbst verwendet werden. Dafür übernehmen unsere beiden Begleiterinnen unterschiedliche magische Aufgaben. Wer allein spielt, lässt die übrigen Gruppenmitglieder von der KI kontrollieren.
Über ein Aktionsraster können wir festlegen, wie offensiv sie sich verhalten und wie weit sie beispielsweise ihre Waffen aufladen sollen. Für die damalige Zeit war das erstaunlich fortschrittlich. Leider bedeutet fortschrittlich nicht automatisch intelligent.

Unsere Begleiter bleiben gerne einmal an einer Ecke hängen, laufen irgendwo dagegen oder entscheiden spontan, dass aktives Mitkämpfen möglicherweise überschätzt wird. Funktionieren kann die KI durchaus – zuverlässig ist allerdings etwas anderes.
Und genau deshalb verändert der Mehrspielermodus das gesamte Erlebnis. Sobald alle drei Gruppenmitglieder verfügbar sind, können weitere Spieler jederzeit die Kontrolle übernehmen. Mit entsprechender Hardware dürfen sogar drei Personen gleichzeitig spielen.
Ein komplettes JRPG gemeinsam mit zwei Freunden durchzuspielen, ist selbst heute nicht selbstverständlich. Auf dem Super Nintendo war es erst recht außergewöhnlich.


Gerade Bosskämpfe entwickeln im Koop einen völlig anderen Rhythmus. Einer positioniert sich vorne, ein anderer nutzt Magie und der dritte versucht vielleicht nur irgendwie, nicht schon wieder getroffen zu werden. Kleine Probleme bleiben allerdings bestehen. Sobald jemand das Ringmenü öffnet, pausiert das Spiel für alle Beteiligten. Besonders beim häufigen Einsatz von Magie kann dadurch der Spielfluss deutlich ins Stocken geraten.
Trotzdem gehört der Koop-Modus bis heute zu den größten Stärken von Secret of Mana. Wenn die Möglichkeit besteht, würden wir das Abenteuer tatsächlich eher gemeinsam als allein spielen.
Acht Waffen, viel Training und ein Schmied namens Berti
Stärker werden unsere Figuren klassisch durch Erfahrungspunkte, Ausrüstung und die Weiterentwicklung ihrer Waffen. Eine besonders wichtige Rolle übernimmt dabei der Schmied, den viele Spieler der deutschen Fassung wahrscheinlich einfach als Berti kennen.
Nach Bosskämpfen und aus bestimmten Schatztruhen erhalten wir Waffenorbs. Mit diesen kann der Schmied die jeweilige Waffenart auf eine höhere Stufe bringen. Das Manaschwert bleibt also grundsätzlich dieselbe Waffe, entwickelt sich im Laufe des Abenteuers aber immer weiter.

Zusätzlich besitzt jede Figur für jede Waffenart einen eigenen Fertigkeitswert. Kämpft unser Held häufig mit einem Schwert, steigt seine Schwertfertigkeit. Nutzt das Mädchen dagegen regelmäßig den Bogen, verbessert sie sich entsprechend mit dieser Waffe.
Dadurch lohnt es sich durchaus, unterschiedliche Waffen auf die Gruppe zu verteilen und verschiedene Kombinationen auszuprobieren. Wer allerdings sämtliche Waffen mit allen Charakteren maximal entwickeln möchte, muss sehr viel Zeit investieren. Das System kann ziemlich grindig werden.
Zum Glück ist das für einen normalen Durchgang vollkommen unnötig. Einige bevorzugte Waffen reichen aus, um problemlos durch die Geschichte zu kommen.
Das Ringmenü war genial – und ist trotzdem ein bisschen fummelig
Spielerisch besitzt Secret of Mana erstaunlich wenige wirklich gravierende Schwächen. Viele Probleme wirken eher wie typische Altersspuren. Das Ringmenü ist dafür ein hervorragendes Beispiel.
Statt mehrere klassische Menübildschirme zu öffnen, erscheint ein kreisförmiges Interface direkt um die Spielfigur herum. Items, Magie, Waffen und andere Funktionen lassen sich dort auswählen, ohne das eigentliche Spiel vollständig zu verlassen.

Die Idee war ausgesprochen innovativ. Die Bedienung ist allerdings teilweise ziemlich fummelig. Gerade wenn während eines Kampfes schnell ein bestimmter Zauber oder Gegenstand benötigt wird, kann das Durchblättern mehrerer Ringe den Spielfluss bremsen.
Hinzu kommt ein eher niedriger Schwierigkeitsgrad. Besonders offensive Magie kann das Balancing vollständig auseinandernehmen. Sobald wir die elementare Schwäche eines Bosses kennen und einen passenden Zauber ausreichend trainiert haben, lässt sich der Gegner teilweise mit Magie bombardieren, bevor er überhaupt vernünftig reagieren kann.

Das ist nicht unbedingt elegant ausbalanciert, hat allerdings ebenfalls etwas typisch Charmantes an sich. Manche Spiele möchten unbedingt verhindern, dass wir ihre Systeme ausnutzen. Secret of Mana gibt uns irgendwann mächtige Magie und scheint anschließend einfach zu sagen: Dann macht halt.
Pogopuschel, Horrorwindel und die Lindenstraße
Und dann wäre da noch die berühmte deutsche Übersetzung.
Kaum ein anderes SNES-Rollenspiel besitzt im deutschsprachigen Raum derart viele Begriffe, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Pogopuschel, Horrorwindel und zahlreiche andere Bezeichnungen besitzen teilweise nur noch sehr wenig mit dem japanischen Ausgangstext gemeinsam.
Noch berühmter sind jene Goblins, die offenbar dringend nach Hause müssen, weil sie die Lindenstraße nicht verpassen dürfen. Selbstverständlich existiert dieser Witz im japanischen Original nicht.
Ist das eine originalgetreue Übersetzung?
Definitiv nicht.
Ist sie deshalb automatisch schlecht? Unserer Meinung nach ebenfalls nicht.
Gerade diese eigenwillige Lokalisierung verleiht einer ansonsten ziemlich klassischen Geschichte zusätzlichen Charakter. Sie verwässert zweifellos Teile des Originals und wer die Geschichte möglichst exakt erleben möchte, ist mit einer späteren Übersetzung näher an der ursprünglichen Fassung. Gleichzeitig fehlt diesen Versionen aber genau jener merkwürdige Humor, den viele deutschsprachige Spieler heute unmittelbar mit Secret of Mana verbinden.
Ohne Linsen ist eine Linsensuppe schließlich auch keine Linsensuppe.
Ein Fantasy-Märchen aus 16-Bit-Pixeln
Optisch gehört Secret of Mana für uns noch immer zu den schönsten Spielen des Super Nintendo. Besonders die Farbpalette ist hervorragend gealtert. Sattes Grün in den Wäldern, klares Wasser, verschneite Gebiete und farbenfrohe Städte verleihen der Welt eine fast märchenhafte Wirkung.
Natürlich wiederholen sich manche Elemente. Gerade verschiedene Innenräume sehen sich ziemlich ähnlich und nicht jeder Dungeon besitzt eine komplett eigene visuelle Identität. Der grundsätzliche Pixelstil funktioniert allerdings bis heute ausgezeichnet.
Besonders stark sind die Bossgegner. Viele davon besitzen markante Designs und sorgen schon aufgrund ihrer Größe dafür, dass sich die entsprechenden Kämpfe von normalen Begegnungen unterscheiden.

Noch stärker als die Grafik ist möglicherweise der Soundtrack von Hiroki Kikuta. Bereits das Titelthema erzeugt innerhalb weniger Sekunden eine Mischung aus Abenteuerlust und Melancholie, die perfekt zum gesamten Spiel passt. Zahlreiche Stücke besitzen bis heute einen enormen Wiedererkennungswert und gehören für uns zu den schönsten Melodien der gesamten 16-Bit-Ära.
Fazit – Ohne Pogopuschel wäre wirklich alles nur halb so schön
Secret of Mana ist auch mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung ein außergewöhnlich charmantes Action-Rollenspiel. Perfekt gealtert ist es allerdings nicht. Gerade die dünne Geschichte verschenkt viele Möglichkeiten und einige emotionale Momente hätten wesentlich mehr Wirkung entfalten können. Auch die Treffererkennung kann ungenau sein, das Ringmenü wirkt inzwischen etwas umständlich und die computergesteuerten Gruppenmitglieder führen gelegentlich einen persönlichen Krieg gegen Bäume, Wände und andere unbewegliche Gegenstände.
Das eigentliche Kampfsystem funktioniert dagegen weiterhin erstaunlich gut. Der Rhythmus aus Angriff und 100-Prozent-Aufladung verhindert stumpfes Buttonmashing und verleiht den Echtzeitkämpfen einen eigenen Charakter. Waffenentwicklung und Fertigkeitswerte sorgen außerdem dafür, dass sich die Gruppe kontinuierlich weiterentwickelt.
Das größte spielerische Argument bleibt jedoch der Koop-Modus. Mit zwei Freunden verändert sich das Abenteuer spürbar. Plötzlich müssen keine KI-Begleiter mehr davon überzeugt werden, dass Wände keine Gegner sind, und gerade die großen Bosskämpfe entwickeln eine Dynamik, die selbst heute noch ungewöhnlich ist.
Auch die Welt selbst besitzt ihren Charme nicht verloren. Die direkte Reise durch Wälder, Städte und Dungeons, der spätere Flug über die Mode-7-Weltkarte und die hervorragende Musik erzeugen noch immer das Gefühl eines spielbaren Fantasy-Märchens.
Und schließlich gibt es da diese deutsche Übersetzung.
Puristisch betrachtet ist sie alles andere als ideal. Sie verändert Witze, Begriffe und teilweise sogar die Wirkung einzelner Szenen. Trotzdem wäre die deutsche Version für uns ohne genau diesen Wahnsinn tatsächlich ärmer.
Pogopuschel, Horrorwindeln und Goblins mit dringendem Fernsehtermin gehören inzwischen genauso zu Secret of Mana wie das Manaschwert.
Wer das Spiel heute zum ersten Mal erlebt, wird einige Altersspuren bemerken. Wer damit leben kann, bekommt allerdings noch immer ein schnelles, farbenfrohes und ausgesprochen sympathisches Action-JRPG.
Und wer die Möglichkeit besitzt, sollte es gemeinsam mit Freunden spielen.
Denn ohne Pogopuschel wäre alles nur halb so schön – und ohne zwei Mitspieler irgendwie auch.
