Fußball und JRPG. Das sind zwei Dinge, bei denen man sich vermutlich nicht zwangsläufig fragt, weshalb sie eigentlich noch niemand miteinander kombiniert hat. LEVEL5 hat es trotzdem getan.
Und erstaunlicherweise funktioniert diese Mischung inzwischen seit fast zwei Jahrzehnten. Der erste Teil von Inazuma Eleven erschien bereits 2008 in Japan für Nintendo DS und entwickelte sich anschließend zu einem ganzen Multimedia-Franchise mit weiteren Spielen und Anime-Produktionen.
Mit Inazuma Eleven: Helden der Siegesstraße kehrte die Reihe nach einer ungewöhnlich langen Entwicklungszeit schließlich zurück. Denn angekündigt wurde das Projekt tatsächlich schon viele Jahre vor seiner Veröffentlichung. Eine ziemlich lange Halbzeit.
Doch hat sich das Warten gelohnt? Funktioniert die Mischung aus JRPG, Anime und völlig übertriebenem Fußball auch heute noch? Und warum hält sich ausgerechnet ein Spiel namens Inazuma Eleven in seinen ersten Stunden so erstaunlich stark mit einer Sache zurück?
Fußball.
⚽ Inazuma Eleven: Helden der Siegesstraße – Spieldaten
Release: 13. November 2025
Plattformen: Nintendo Switch · Nintendo Switch 2 · PS4 · PS5 · Xbox Series X|S · PC
Genre: Fußball-RPG / JRPG
Entwickler: LEVEL5
Publisher: LEVEL5
Sprache: Deutsche Bildschirmtexte
Sprachausgabe: Japanisch & Englisch
Getestet auf: PC
LEVEL5 bezeichnet das Spiel offiziell als „Character Collection and Football Simulation RPG“. Neben dem Story-Modus gibt es unter anderem den Chronik-Modus, Online-Spiel und die Kizuna Station. Cross-Play und Cross-Save werden ebenfalls unterstützt.
Ein Fußballfan, der keinen Fußball spielen darf
Bevor wir überhaupt die eigentliche Geschichte beginnen, dürfen wir zunächst einen eigenen Avatar erstellen. Dieser spielt allerdings nicht die Hauptrolle der Kampagne.
Er wird vielmehr für einige der zahlreichen zusätzlichen Spielmodi verwendet. Im Story-Modus übernehmen wir dagegen die Rolle von Destin Billows. Destin ist gerade erst in eine neue Stadt gezogen.
Neue Stadt. Neue Schule. Neue Menschen. Für jemanden, der nicht unbedingt zu den extrovertiertesten Persönlichkeiten gehört, also genau die Art von Situation, auf die man sich besonders freut.

Schon bald macht Destin allerdings erste Bekanntschaften. Unter anderem mit Menschen, bei denen Konfliktbewältigung gelegentlich über die Fäuste funktioniert. Perfekte Grundlage für einen Fußballverein.
Und tatsächlich entsteht schon bald genau dieser Plan. Das Problem: Die Schule besitzt aktuell gar keinen Fußballclub mehr. Nach negativen Vorfällen in der Vergangenheit wurde dieser aufgelöst. Sportlich konzentriert man sich stattdessen vor allem auf Baseball.
Destin besitzt außerdem noch ein wesentlich persönlicheres Problem. Seine gesundheitliche Situation hat dazu geführt, dass Ärzte ihm vom Fußballspielen abraten. Nur liebt er diesen Sport.
Und damit beginnt die Geschichte eines Jungen, der zunächst weniger selbst auf dem Spielfeld steht als vielmehr versucht, das Feuer des Fußballs wiederzuentdecken.

Der Fußballclub beginnt erst einmal ohne Fußball
Natürlich reicht die Idee eines Vereins allein nicht aus. Man braucht Spieler. Einen Ort zum Trainieren. Ein Clubhaus wäre ebenfalls nicht schlecht. Und irgendeiner muss das Ganze schließlich organisieren. Genau damit verbringt die Geschichte zunächst überraschend viel Zeit.
Wer erwartet, nach einer halben Stunde bereits im ersten großen Match spektakuläre Feuerbälle auf das gegnerische Tor zu schießen, wird deshalb vermutlich etwas irritiert sein.

Stattdessen konzentrieren sich die ersten Stunden stark auf die Figuren. Neue Gruppenmitglieder werden eingeführt. Beziehungen aufgebaut. Konflikte vorbereitet. Besonders Briar fällt dabei positiv auf.
Hinter seinem Auftreten als Schulrüpel steckt deutlich mehr als zunächst erwartet, nicht zuletzt aufgrund seiner familiären Verbindung zum Hauptsponsor der Schule. Gerade solche Figuren sorgen dafür, dass die vergleichsweise langsame Einführung trotzdem funktioniert.
Ein spielbarer Sport-Anime
Und dann wären da natürlich noch die Zwischensequenzen. Davon gibt es reichlich. Sehr reichlich. Das Spiel nimmt sich teilweise mehrere Minuten Zeit, um wichtige Momente komplett im Anime-Stil zu inszenieren. Und diese Szenen sehen richtig gut aus.

Für die Anime-Sequenzen arbeitete LEVEL5 mit MAPPA zusammen. Laut Nintendo besitzt Helden der Siegesstraße sogar die längste Gesamtlaufzeit an Anime-Szenen innerhalb der bisherigen Reihe. Wer genau darauf steht, dürfte mit der Inszenierung viel Spaß haben.
Wer dagegen möglichst schnell selbst spielen möchte, muss einiges an Geduld mitbringen. Die Geschichte wird später deutlich interessanter, besonders wenn die eigentlichen Rivalen stärker ins Spiel kommen. Bis dahin vergehen allerdings einige Stunden.
Und selbstverständlich sollte man eine gewisse Toleranz gegenüber übertriebener Anime-Dramatik besitzen. Das hier ist schließlich immer noch Inazuma Eleven. Realismus wurde offenbar irgendwann auf dem Trainingsplatz vergessen.
Katzen, Informationen und fliegende Fußbälle
Abseits der großen Zwischensequenzen besitzt der Story-Modus einen ziemlich ungewöhnlichen Rhythmus. Häufig bekommt Destin zunächst die Aufgabe, Informationen zu einem bestimmten Thema zu sammeln.
Also reist man durch die Stadt und spricht mit unterschiedlichen Personen. Klingt aufregend? Nicht unbedingt. Funktioniert aber erstaunlich gut.

Denn auf dem Weg von Gesprächspartner A zu Gesprächspartner B passiert ständig irgendetwas. Nebenaufgaben tauchen auf. Andere Charaktere können rekrutiert werden. Man spielt Stein, Schere, Papier.
Herumliegende Fußbälle werden irgendwohin geschossen. Und Katzen wollen gestreichelt werden. Sehr viele Katzen.

Auf dem Papier klingt davon kaum etwas spektakulär. Entscheidend ist aber die Mischung. Man beschäftigt sich selten lange mit derselben Aufgabe. Ein kurzes Gespräch. Dann eine Nebenaktivität. Dann vielleicht ein Kampf. Danach ein Sammelobjekt.
Und plötzlich steht schon wieder etwas anderes an. Genau dadurch entwickelt der eigentlich sehr simple Aufbau einen ausgesprochen angenehmen Spielfluss.
Moment – warum prügeln wir uns jetzt?
Besonders überrascht hat uns das normale Kampfsystem. Denn natürlich könnte man erwarten, dass Konflikte in einem Fußball-RPG grundsätzlich mit einem Ball ausgetragen werden.
Nö.
Destin kann auch ganz gewöhnlich kämpfen. Zumindest gewöhnlich nach LEVEL5-Maßstäben.

Das Grundprinzip erinnert etwas an Yo-kai Watch. Man besitzt drei grundlegende Befehle nach dem Prinzip von Schere, Stein und Papier und muss auf die jeweilige Aktion des Gegners reagieren. Das Ganze läuft allerdings in Echtzeit.
Wer zu lange wartet, riskiert entsprechend Nachteile. Wer mit schnellen Entscheidungen Probleme hat, kann das Geschehen jederzeit pausieren.
Zusätzlich stehen Heilgegenstände zur Verfügung, deren Zahl innerhalb eines Kampfes begrenzt ist. Wird häufig genug erfolgreich gekontert, füllt sich außerdem eine Leiste für besonders starke Spezialangriffe.

Nach einem Kampf werden Lebenspunkte und verbrauchte Gegenstände wiederhergestellt. Erfahrungspunkte gibt es natürlich trotzdem. Und außerdem Werte wie Liebe und Dankbarkeit. Mehr Liebe auf dem Fußballplatz schadet vermutlich nie.
Unterhaltsam – aber ziemlich oberflächlich
Für kurze Begegnungen funktioniert dieses System gut. Das Problem ist die langfristige Entwicklung. Später kommen zwar weitere Elemente hinzu. Mauern oder kleinere besondere Bedingungen verändern die Situationen ein wenig. Grundsätzlich bleibt der Ablauf allerdings ziemlich ähnlich.

Hinzu kommt der niedrige Schwierigkeitsgrad. Die Möglichkeit, jederzeit zu pausieren, hätten wir eigentlich kaum gebraucht. Wirklich gefährlich wurden diese Kämpfe nur selten.
Ähnlich sieht es bei verschiedenen Trainingsaktivitäten und Minispielen aus. Sie sorgen definitiv für Abwechslung. Aber viele davon gehen nicht besonders tief. Hier hätte etwas weniger Inhalt mit dafür ausgearbeiteteren Mechaniken vielleicht sogar besser funktioniert.
Mehr Inhalt, als ein einzelner Test vernünftig erklären kann
Denn von Contentmangel kann wirklich keine Rede sein. Neben Story und normalen Aktivitäten warten zahlreiche zusätzliche Systeme. Spieler können gesammelt werden. Nebenaufgaben gibt es überall. Minispiele sowieso. Und dann wäre da noch der Chronik-Modus.

Hier können legendäre Begegnungen aus der Geschichte der Reihe erneut gespielt werden. Gerade langjährige Fans dürften entsprechend viel Nostalgie daraus ziehen.
Wer wie wir mit Helden der Siegesstraße erstmals ernsthaft in die Serie einsteigt, besitzt diese emotionale Verbindung natürlich nicht. Trotzdem bietet der Modus einen entscheidenden Vorteil:
Man kann deutlich früher richtig Fußball spielen. Und davon sammelt man offenbar auch ein wenig. LEVEL5 spricht inzwischen von mehr als 5.400 Charakteren, die über die verschiedenen Modi hinweg auftreten beziehungsweise gesammelt werden können.

Über 5.400. Das dürfte reichen. Vermutlich.
Eines Tages geschieht das Unfassbare
Irgendwann ist es tatsächlich so weit. Der Fußball hält Einzug in die Story. Und hier zeigt sich plötzlich ein ganz anderes Bild.
Während viele der vorherigen Gameplay-Systeme vergleichsweise simpel bleiben, besitzt der eigentliche Fußball überraschend viel Tiefe.

Das grundsätzliche Ziel hat sich gegenüber normalem Fußball glücklicherweise nicht verändert. Ball ins gegnerische Tor. Das bekommen wir noch hin. Nur der Weg dorthin sieht etwas anders aus.
Je nach Position auf dem Feld stehen unterschiedliche Aktionen zur Verfügung. Spieler können in direkte Duelle verwickelt werden. Verteidiger können Barrieren beziehungsweise Mauern einsetzen, um die Angriffskraft des Gegners zu reduzieren. Und natürlich besitzt praktisch jeder wichtige Charakter spektakuläre Spezialtechniken.

Wer noch nie ein Fußballspiel gespielt hat, muss sich keine Sorgen machen. Das Spiel erklärt seine Mechaniken ausführlich. Sehr ausführlich. Vielleicht sogar etwas zu ausführlich.
Die größte Schwäche liegt ausgerechnet vor dem Anpfiff
Denn genau hier entsteht ein strukturelles Problem. Das eigentliche Fußballsystem ist deutlich komplexer als fast alles, was man zuvor gelernt hat. Werte. Spielerpositionen. Training. Ausrüstung. Spezialaktionen. Formationen. All das muss erst einmal verstanden werden.

Nur beginnt das Spiel damit erst sehr spät. Wir hätten deutlich lieber schon früher kleinere Matches bestritten. Nicht einmal unbedingt wichtige Spiele. Trainingspartien hätten vollkommen gereicht.
Dadurch hätte man die Mechaniken schrittweise kennenlernen können, während die Geschichte parallel weiterläuft. Stattdessen verbringt man viele Stunden mit ganz anderen Systemen und bekommt anschließend plötzlich einen ziemlich umfangreichen Fußballkurs serviert.
Das fühlt sich unnötig verschoben an. Die lange Charaktereinführung ist keineswegs schlecht. Im Gegenteil. Nur wäre es problemlos möglich gewesen, beides miteinander zu verbinden.
Wenn Fußball endlich spielt, wird es richtig gut
Hat man diese Einstiegshürde überwunden, machen die Matches allerdings wirklich Spaß. Anders als die normalen Kämpfe verlangen sie tatsächlich Aufmerksamkeit. Positionen müssen berücksichtigt werden.
Gegnerische Aktionen wollen gekontert werden. Und ein mächtiger Spezialschuss garantiert keineswegs automatisch ein Tor.

Gerade diese Mischung aus strategischen Entscheidungen und komplett übertriebener Anime-Inszenierung macht den Reiz der Serie wahrscheinlich überhaupt erst aus. Man spielt grundsätzlich Fußball.
Nur eben Fußball in einer Welt, in der ein normaler Schuss offenbar nicht ausreichend dramatisch ist, solange nicht mindestens ein Blitz, Drache oder anderes Naturereignis daran beteiligt ist. Und ja. Das hat was.
Auch ohne Fußball gibt es viel zu entdecken
Zum Glück funktioniert die Spielwelt gut genug, dass die lange Wartezeit bis zu den großen Matches nicht vollkommen frustriert. Überall lassen sich Gegenstände entdecken.
Bestimmte Fundstücke können wiederum gegen andere Belohnungen eingetauscht werden. Hinzu kommen unterschiedliche Tageszeiten.


Gerade optisch versteht Inazuma Eleven: Helden der Siegesstraße sehr gut, was es sein möchte. Ein spielbarer Sport-Anime. Kräftige Farben. Ausdrucksstarke Figuren. Übertriebene Animationen.
Dazu die aufwendigen MAPPA-Sequenzen. Selbst wenn gerade kein Ball über das Spielfeld fliegt, besitzt das Spiel dadurch eine sehr klare Identität.
Japanisch oder Englisch – Hauptsache mit Energie
Auch die Sprachausgabe überzeugt. Sowohl japanische als auch englische Stimmen stehen zur Verfügung.
Wer möglichst nah an der japanischen Fassung bleiben möchte, kann darüber hinaus auch die Namen entsprechend umstellen.
Das ist ein schönes Detail.

Deutsche Bildschirmtexte sind enthalten. Eine deutsche Sprachausgabe dagegen nicht. Die offizielle Sprachliste umfasst unter anderem Deutsch als Textsprache sowie Japanisch und Englisch.
Gerade angesichts der potenziell jüngeren Zielgruppe wäre eine vollständige deutsche Vertonung natürlich schön gewesen. Zumal die Reihe hierzulande durchaus eine Vergangenheit mit deutscher Lokalisierung besitzt. Kein großes Problem. Aber schade.
Fazit – Das Fußball-RPG, das erstaunlich wenig Eile mit Fußball hat
Inazuma Eleven: Helden der Siegesstraße besitzt eine ziemlich merkwürdige Prioritätensetzung. Es ist ein Fußball-RPG. Das sehr lange kaum Fußball spielen lässt. Und ausgerechnet der eigentliche Fußball gehört später zu den komplexesten Systemen des gesamten Spiels.
Das ist schwer nachvollziehbar. Kleinere Matches bereits während der ersten Stunden hätten die Lernkurve deutlich angenehmer gestalten können. Stattdessen lernt man zunächst Katzen zu streicheln, Menschen zu befragen, Schere-Stein-Papier-Kämpfe zu bestreiten und einen Club aufzubauen, bevor es endlich richtig auf den Platz geht.
Das klingt wesentlich negativer, als das eigentliche Spielerlebnis ausfällt. Denn gerade dieser ungewöhnliche Alltag funktioniert überraschend gut. Die einzelnen Aktivitäten sind selten besonders komplex, wechseln sich aber so schnell ab, dass ein motivierender Rhythmus entsteht.
Hinzu kommen sympathische Figuren und ausgesprochen hochwertige Anime-Sequenzen. Sobald die Geschichte schließlich Fahrt aufnimmt, funktioniert auch die Handlung zunehmend besser. Und dann sind da natürlich noch die eigentlichen Matches.
Sie benötigen Zeit. Sie müssen verstanden werden. Aber genau dort zeigt Inazuma Eleven, warum diese bizarre Kombination aus Fußball und JRPG überhaupt seit so vielen Jahren funktioniert.
Es ist taktisch genug, um nicht einfach nur ein gewöhnliches Sportspiel zu sein. Und absurd genug, damit man nie vergisst, dass man eigentlich immer noch ein Anime-JRPG spielt.
Selbst Menschen, die mit Fußball nicht besonders viel anfangen können, sollten deshalb nicht automatisch einen großen Bogen um Helden der Siegesstraße machen. Vielleicht sogar ganz im Gegenteil.
Denn interessanterweise ist dieses Spiel über weite Strecken wesentlich stärker JRPG als Fußballsimulation.
Und wenn dann irgendwann endlich der Anpfiff ertönt? Dann versteht man ziemlich schnell, weshalb LEVEL5 diesen merkwürdigen Genre-Mix seit 2008 nicht mehr loslassen möchte.
