Manche Rollenspiele bleiben nicht deshalb im Gedächtnis, weil sie technisch perfekt waren oder jedes ihrer Systeme bis ins letzte Detail funktioniert hat. Sie bleiben, weil sie etwas Eigenes hatten.
Legend of Legaia gehört ziemlich eindeutig in diese Kategorie. Das PlayStation-Rollenspiel verbindet eine ungewöhnlich bedrückende Fantasy-Welt mit einem Kampfsystem, das sich stellenweise eher wie ein Prügelspiel als wie ein klassisches JRPG anfühlt.
Und genau diese Kombination hat dem Spiel bis heute einen gewissen Kultstatus eingebracht. Doch wie gut funktioniert das Abenteuer heute noch? Trägt die düstere Atmosphäre auch fast drei Jahrzehnte später? Und sind die ungewöhnlichen Kämpfe tatsächlich eine Stärke – oder wird ausgerechnet die Charakterentwicklung irgendwann zum größten Gegner?
🎮 Legend of Legaia – Spieldaten
Release: 1998 Japan · 1999 USA · 2000 Europa
Plattform: PlayStation
Genre: JRPG
Entwickler: Procyon
Sprache: Deutsche Bildschirmtexte
Getestet auf: PS1
Eine moderne Neuauflage ist bislang nicht erschienen. Die europäische Version wurde damals sogar mit deutschen Texten veröffentlicht – für ein JRPG dieser Zeit alles andere als selbstverständlich.
Wenn der Nebel die Welt verschluckt
Die Menschen in Legend of Legaia waren ursprünglich gar nicht so schlecht dran. Eine Gottheit stellte ihnen einst die sogenannten Seru zur Seite. Diese geheimnisvollen Wesen lebten gemeinsam mit den Menschen und verliehen ihnen außergewöhnliche Kräfte.
Über viele Jahre funktionierte dieses Zusammenleben offenbar ziemlich gut. Bis der Nebel kam. Ein mysteriöser Schleier breitet sich über die Welt aus und verändert die Seru. Aus friedlichen Begleitern werden plötzlich aggressive Kreaturen, die sich gegen genau jene Menschen wenden, mit denen sie zuvor Seite an Seite gelebt haben.
Eine denkbar ungünstige Entwicklung.

Viele Siedlungen reagieren darauf mit Abschottung. Auch Rim Elm, die Heimat von Vahn, wird durch eine große Mauer geschützt. Nur einige Jäger verlassen regelmäßig den sicheren Bereich, um Vorräte zu beschaffen.
Vahn möchte eines Tages selbst zu ihnen gehören. Bis die Seru schließlich die Mauer überwinden. Das Dorf wird angegriffen und die Lage scheint zunächst aussichtslos. Erst als Vahn den Genesis-Baum berührt, verändert sich die Situation. Im Inneren befindet sich ein besonderer Seru. Meta.

Meta gehört zu den sogenannten Ra-Seru und ist nicht vom Nebel verdorben. Gemeinsam gelingt es Vahn und Meta, die angreifenden Seru zurückzudrängen. Und plötzlich verschwindet sogar der Nebel rund um Rim Elm. Spiel geschafft. Also fast.
Denn natürlich betrifft die Erlösung lediglich Vahns Heimatdorf. Der Rest der Welt liegt weiterhin unter dem bedrohlichen Schleier. Damit beginnt die eigentliche Reise.
Drei Helden gegen eine ziemlich kaputte Welt
Vahn bricht auf, um weitere Genesis-Bäume zu finden und den Nebel Stück für Stück zurückzudrängen. Schon bald trifft er auf Noa. Sie wurde von einer Wölfin großgezogen und besitzt dadurch eine etwas ungewöhnliche Vorstellung vom menschlichen Alltag.
Später schließt sich Gala an – ein erfahrener Kampfkünstler, der in einer Abtei einem strengen Training folgt. Auch Noa und Gala erhalten eigene Ra-Seru. Damit ist die Gruppe komplett.

Interessanterweise ist die Grundidee der Geschichte gar nicht unbedingt das spannendste Element. Viel reizvoller ist die Frage, was überhaupt zwischen den Menschen und den Seru passiert ist.
Beide Gruppen lebten schließlich ursprünglich friedlich zusammen. Warum also wenden sich die Seru plötzlich gegen ihre ehemaligen Verbündeten?
Was verursacht den Nebel? Und warum scheinen Genesis-Bäume eine der wenigen Möglichkeiten zu sein, ihn zurückzudrängen? Genau dieser schrittweise Blick auf die Vergangenheit funktioniert ausgesprochen gut.
Hoffnungslosigkeit als Atmosphäre
Noch stärker ist allerdings die Art, wie Legend of Legaia seine Welt präsentiert. Hier fühlt sich das Leben tatsächlich gefährlich an. Der Nebel ist nicht einfach irgendeine optische Besonderheit der Spielwelt. Er ist eine permanente Bedrohung.
Menschen verstecken sich hinter Mauern, ganze Regionen sind praktisch abgeschnitten und die Bewohner verschiedener Siedlungen leben ständig mit der Angst, dass die Seru irgendwann auch sie erreichen könnten.

Dadurch besitzt beinahe jede Ortschaft ihre eigenen Probleme. Und genau das macht die Reise interessant. Man zieht nicht einfach von Stadt A nach Stadt B, um dort die nächste Standardquest abzuholen. Häufig merkt man sofort, wie der Nebel das Leben an diesem Ort verändert hat.
Diese bedrückende Grundstimmung gehört bis heute zu den größten Stärken des Spiels. Hinzu kommt eine erstaunlich umfangreiche Mythologie. Bestattungsrituale, Gottheiten, die Bedeutung von Kampfkunst oder die Rolle der Seru sorgen dafür, dass sich die Welt wesentlich eigenständiger anfühlt als viele andere Fantasy-Schauplätze aus derselben Zeit.

Die Welt ist stärker als ihre Figuren
Bei den Charakteren sieht das leider etwas anders aus. Vahn funktioniert als stummer Held ordentlich. Gala besitzt zumindest durch seine Verbindung zu Songi einen persönlichen Konflikt, der nicht einfach nur daraus besteht, dass der Bösewicht zufällig den Hauptcharakter ärgert.
Noa dürfte dagegen die Gemüter stärker spalten. Ihre ungewöhnliche Kindheit erklärt zwar, warum sie viele Dinge der menschlichen Gesellschaft zunächst nicht versteht. Trotzdem kann ihre Art relativ schnell anstrengend werden.

Auch die Gegenspieler bleiben teilweise etwas blass. Songi besitzt zwar definitiv Wiedererkennungswert, doch insgesamt reicht die Charakterzeichnung nicht ganz an die Qualität der Welt und ihrer Atmosphäre heran.
Einige Handlungselemente werden zudem nie vollständig erklärt. Schade ist das vor allem deshalb, weil das Grundgerüst der Geschichte eigentlich genug Potenzial für wesentlich mehr Charaktertiefe besitzt.
Eine Weltkarte mit eingebauter Geduldsprobe
Spielerisch folgt Legend of Legaia zunächst einem vertrauten Muster. Auf einer großen Weltkarte reist die Gruppe zwischen Städten, Siedlungen und Dungeons hin und her.
Gerade in der PAL-Version hat Vahn dabei allerdings offenbar beschlossen, sämtliche Landschaften in aller Ruhe zu genießen. Die Laufgeschwindigkeit ist wirklich sehr gemütlich.
Sehr. Gemütlich.

In Städten wird neue Ausrüstung gekauft, mit Bewohnern gesprochen und die nächste Etappe vorbereitet. Dungeons werden im weiteren Verlauf durchaus umfangreich.
Und selbstverständlich warten sowohl auf der Weltkarte als auch innerhalb der Gebiete klassische Zufallskämpfe. Bis hierhin klingt das alles noch ausgesprochen traditionell. Dann beginnt der erste Kampf. Und plötzlich wird es deutlich interessanter.
Wenn sich ein JRPG plötzlich wie ein Prügelspiel anfühlt
Grundsätzlich laufen die Kämpfe rundenbasiert ab. Normale Angriffe werden allerdings nicht einfach über einen einzigen Menüpunkt ausgeführt. Stattdessen gibt man eine Reihe von Richtungsbefehlen ein: Oben. Unten. Links. Rechts. Aus diesen Eingaben entstehen unterschiedliche Attacken.

Das fühlt sich fast ein wenig an wie ein kleines Fighting Game innerhalb eines JRPGs. Und angesichts der großen Bedeutung der Kampfkunst innerhalb der Spielwelt passt das erstaunlich gut.
Noch interessanter: Bestimmte Kombinationen ergeben spezielle Techniken. Findet man eine neue Abfolge, lernt die entsprechende Figur einen neuen Angriff, der anschließend dauerhaft im Menü gespeichert wird.
Zu Beginn lassen sich nur wenige Befehle hintereinander eingeben. Mit steigender Stufe wächst die verfügbare Leiste jedoch immer weiter, bis später deutlich längere Kombinationen möglich werden.

Das System ist kreativ. Es macht Spaß. Und dann zeigt es leider gleichzeitig seine größte Schwäche.
Viel ausprobieren – und sehr viel ins Leere laufen
Das Spiel merkt sich nämlich nicht, welche Kombinationen bereits ausprobiert wurden. Entdeckte Techniken werden gespeichert. Fehlgeschlagene Versuche dagegen nicht.
Dadurch beginnt irgendwann das große Ratespiel. War es: Oben, links, unten, rechts? Oder oben, links, unten, links? Oder doch rechts, unten, oben, links? Je länger die möglichen Eingabeketten werden, desto absurder wird die Zahl denkbarer Kombinationen.

Gerade später kann man dadurch unglaublich viel Zeit damit verbringen, neue Techniken zu suchen. Und das wäre weniger problematisch, wenn das Spiel im späteren Verlauf nicht gleichzeitig merklich anspruchsvoller werden würde.
Bosskämpfe sind ohnehin regelmäßig fordernd. Später ziehen allerdings auch normale Gebiete deutlich an. Neue Techniken sind deshalb irgendwann nicht mehr nur ein netter Bonus. Man braucht sie.
Wer keine Lust darauf hat, unzählige Kombinationen auf gut Glück auszuprobieren, sollte sich deshalb wirklich nicht schlecht fühlen, eine Technikliste zu benutzen. Hier gewinnt das Internet eindeutig gegen die Nostalgie.
Magie durch Glücksspiel
Noch problematischer ist das Magiesystem. Zauber werden über die Seru erlernt. Bestimmte Gegner können nach einem Kampf absorbiert werden. Gelingt das, erhält die entsprechende Figur Zugriff auf die Magie dieses Seru.
Grundsätzlich eine coole Idee. Denn damit werden Gegner gleichzeitig zu potenziellen neuen Fähigkeiten. Das Problem: Der Vorgang ist größtenteils zufallsabhängig.

Man kann seine Chancen zwar beeinflussen. Eine Garantie gibt es trotzdem nicht. Und so kann es passieren, dass man denselben Gegner wieder und wieder bekämpft und trotzdem keinen neuen Zauber bekommt.
Gemeinsam mit dem Ratespiel bei den Kampftechniken entsteht dadurch eine ziemlich merkwürdige Charakterentwicklung. Das eigentliche Kampfsystem macht wirklich Spaß.
Die Progression darum herum dagegen häufig nicht. Gerade weil spätere Gegner deutlich mehr Gegenwehr leisten, wird dieses Problem mit zunehmender Spielzeit immer auffälliger.

Leveln gehört irgendwann zum Reiseplan
Wer Legend of Legaia durchspielen möchte, sollte außerdem kein grundsätzliches Problem mit Grinding haben. Gerade später können regelmäßige Levelphasen notwendig werden. Das passt zwar durchaus zur damaligen JRPG-Zeit. Besonders elegant ist es trotzdem nicht.
Denn das Problem entsteht weniger dadurch, dass Kämpfe grundsätzlich zu schwer wären. Vielmehr hängt ein Teil der eigenen Stärke an Systemen, bei denen neue Techniken beziehungsweise Magie nicht besonders komfortabel freigeschaltet werden. Die Kämpfe selbst bleiben dabei angenehm fordernd. Es ist die Vorbereitung darauf, die gelegentlich mehr Geduld verlangt als nötig.
Angeln, Arcade und ein bisschen Ablenkung
Abseits der Haupthandlung besitzt Legend of Legaia überraschenderweise auch einige kleinere Nebenaktivitäten. Dazu gehört beispielsweise Angeln. Außerdem gibt es ein kleines Arcade-Spiel.

Das sind keine gigantischen Nebensysteme. Sie sorgen aber für eine nette Abwechslung von Dungeons, Zufallskämpfen und dem Kampf gegen den Nebel. Gerade in einem Spiel mit einer derart bedrückenden Grundstimmung tun solche kleinen Pausen erstaunlich gut.
Hübscher kämpfen als herumlaufen
Optisch merkt man Legend of Legaia sein Alter natürlich deutlich an. Die dreidimensionalen Umgebungen gehören nicht unbedingt zu den PS1-Spielen, die heute noch besonders elegant wirken. Vor allem auf der Weltkarte und in einigen Gebieten ist der Zahn der Zeit ziemlich offensichtlich. Im Kampf sieht die Sache allerdings anders aus.

Die Charaktermodelle sind wesentlich detaillierter und die verschiedenen Techniken werden mit erstaunlich aufwendigen Animationen dargestellt. Gerade dadurch erhalten die Kämpfe noch einmal zusätzliche Persönlichkeit. Und ja: Songi sieht im Kampf tatsächlich ziemlich wild aus.

Auch musikalisch funktioniert die Reise bis heute. Der Soundtrack unterstützt die düstere und unsichere Stimmung der Welt sehr gut und trägt viel dazu bei, dass sich das Abenteuer trotz seiner technischen Alterserscheinungen weiterhin eigenständig anfühlt.
Fazit – Kultstatus trotz unnötiger Reibung
Legend of Legaia ist ein Spiel mit erstaunlich klaren Stärken und ebenso klaren Schwächen. Die Welt gehört definitiv zur ersten Kategorie. Der Nebel, die Seru, die Genesis-Bäume und die permanent spürbare Hoffnungslosigkeit erzeugen eine Atmosphäre, die selbst heute noch ungewöhnlich wirkt.
Gerade die Frage, warum aus ehemaligen Verbündeten plötzlich Feinde wurden, gibt der Reise zusätzlich einen interessanten Kern.
Auch das Kampfsystem besitzt eine Idee, die man so nur sehr selten sieht. Richtungsbefehle zu eigenen Angriffskombinationen zusammenzusetzen und dadurch neue Techniken zu entdecken, passt hervorragend zur Bedeutung der Kampfkunst innerhalb der Welt. Das Problem liegt weniger im Kämpfen selbst.
Es liegt in allem, was zur Weiterentwicklung dieser Möglichkeiten nötig ist. Neue Techniken auf gut Glück zu suchen, Seru wiederholt zu bekämpfen und auf eine erfolgreiche Absorption zu hoffen oder später regelmäßig zusätzliche Levelrunden einzuplanen, lässt das ansonsten kreative System unnötig sperrig wirken.
Auch die Figuren erreichen nicht ganz die Qualität der Welt, und einige Aspekte der Geschichte hätten ruhig ausführlicher erklärt werden dürfen.
Trotzdem versteht man nach einer erneuten Reise ziemlich schnell, weshalb Legend of Legaia bis heute einen Kultstatus besitzt. Es ist kein perfektes JRPG.
Aber es besitzt etwas, das schwerer zu ersetzen ist als technische Perfektion: eine eigene Identität. Ein modernes Remaster oder Remake, das die Progression überarbeitet, Laufgeschwindigkeit und Komfort verbessert und dabei Atmosphäre sowie Kampfsystem unangetastet lässt, könnte deshalb ausgesprochen interessant sein.
Bis dahin bleibt das Original ein faszinierender Blick auf eine Zeit, in der JRPGs noch wesentlich häufiger einfach ausprobierten, was passiert, wenn man klassische Systeme mit ungewöhnlichen Ideen kombiniert.
Wer mit etwas Grinding, Zufall und PS1-Kantigkeit leben kann, darf also auch heute noch guten Gewissens einen Schritt in den Nebel wagen.
Und Songi kennenlernen.
Das ist schließlich auch etwas.
