Manchmal reicht schon ein gewöhnlicher Schulweg aus, um eine ganze Welt aus den Angeln zu heben. In Shin Megami Tensei V: Vengeance beginnt alles noch erstaunlich normal: Ein japanischer Oberschüler geht zur Schule, bewegt sich durch das moderne Tokio und ahnt nicht, dass er wenig später durch eine zerstörte Version der Stadt laufen wird, in der Engel, Dämonen und Götter nicht mehr bloß aus Religion und Mythologie bekannt sind.
Shin Megami Tensei V: Vengeance ist allerdings weit mehr als ein einfacher Port des ursprünglichen Switch-Spiels von 2021. Die neue Fassung bringt zusätzliche Dämonen, neue Gebiete, technische Verbesserungen, Komfortfunktionen und vor allem einen zweiten vollständigen Storypfad mit. Gleich zu Beginn entscheidet sich deshalb, ob wir die ursprüngliche Handlung im Buch der Schöpfung oder die neue Geschichte des Buchs der Vergeltung erleben möchten.
Für unseren Test fiel die Entscheidung ziemlich eindeutig aus. Wer schon Vengeance spielt, sollte unserer Meinung nach auch direkt den neuen Pfad wählen. Gerade dort zeigt sich nämlich, wie stark zusätzliche Figuren und neue Zusammenhänge eine Geschichte verändern können, die im Original stellenweise noch erstaunlich distanziert wirkte.
🎮 Shin Megami Tensei V: Vengeance – Spieldaten
Release: 14. Juni 2024
Plattformen: Nintendo Switch · PlayStation 5 · PlayStation 4 · Xbox Series X|S · Xbox One · Windows · PC (Steam)
Genre: JRPG
Entwickler: ATLUS
Publisher: SEGA
Kampfsystem: Rundenbasiert
Spielmodus: Einzelspieler
Bildschirmtexte: Deutsch
Sprachausgabe: Japanisch oder Englisch
Ein Schulweg direkt in die Apokalypse
Zunächst lernen wir das moderne Tokio kennen. Unser namenloser Protagonist besucht eine japanische Oberschule und führt ein weitgehend gewöhnliches Leben, bis die Schüler eines Tages angewiesen werden, nach Unterrichtsschluss nur noch in Gruppen nach Hause zu gehen. Irgendetwas ist in der Stadt passiert, allerdings möchte zunächst niemand so recht erklären, was eigentlich los ist.


Nach einem Zwischenfall wird unser Held schließlich in eine andere Realität gezogen: Da’at. Vor uns liegt eine apokalyptische Version Tokios, in der zerstörte Gebäude im Sand versinken, Autobahnen auseinandergebrochen sind und Dämonen vollkommen selbstverständlich durch die Landschaft streifen. Hier begegnet der Protagonist dem geheimnisvollen Aogami. Um zu überleben, verschmelzen beide miteinander und werden zum Nahobino, einem Wesen, das weder vollständig Mensch noch Dämon ist.


Aus dem unauffälligen Schüler wird damit innerhalb weniger Minuten eine blauhaarige übernatürliche Gestalt, die plötzlich mitten in einem Konflikt zwischen Göttern, Engeln und Dämonen steht. Besonders interessant ist dabei, dass wir später nicht dauerhaft in Da’at bleiben. Die Handlung wechselt immer wieder zwischen der scheinbar normalen Welt Tokios und dieser zerstörten Parallelrealität, wodurch nach und nach deutlich wird, dass beide wesentlich enger miteinander verbunden sind, als es zunächst aussieht.
Eine zentrale Rolle spielt Bethel, eine von Engeln geführte Organisation, die sich dem Kampf gegen Dämonen verschrieben hat. Auf den ersten Blick klingt das ziemlich eindeutig: Engel gut, Dämonen schlecht. Shin Megami Tensei wäre allerdings nicht Shin Megami Tensei, wenn es tatsächlich so einfach wäre. Die unterschiedlichen Gruppierungen repräsentieren vor allem verschiedene Ideologien, deren Konsequenzen wir im Laufe der Handlung immer wieder hinterfragen müssen.


Gerade die neue Figur Yoko verändert den neuen Storypfad spürbar. Sie kommentiert Ereignisse, stellt andere Fragen als viele bereits bekannte Charaktere und sorgt dafür, dass die Geschichte eine klarere emotionale Richtung erhält. Neue Gegenspielerinnen und zusätzliche Szenen geben Themen wie Rache, Unterdrückung und gefallenen Wesen außerdem deutlich mehr Raum. Das Buch der Vergeltung fühlt sich dadurch weniger wie ein einfacher Zusatz und deutlich mehr wie eine echte alternative Fassung der Geschichte an.
Eine interessante Geschichte mit ziemlich problematischem Tempo
Die Geschichte selbst hat uns insgesamt gut gefallen, allerdings besitzt sie ein deutliches Pacing-Problem. Die ersten Stunden verbringen wir fast ausschließlich damit, irgendwie wieder nach Tokio zurückzukommen. Große erzählerische Entwicklungen bleiben zunächst aus, bevor die Handlung später plötzlich erheblich an Geschwindigkeit gewinnt. Anschließend nimmt sie wieder Tempo heraus, nur um kurze Zeit später erneut auf das Gaspedal zu treten.

Erst wenn die verschiedenen Organisationen und ihre Interessen wirklich etabliert sind, entwickelt die Geschichte ihren stärksten Sog. Dann funktioniert auch die typische Shin-Megami-Tensei-Mischung aus Religion, Philosophie, Ordnung, Chaos und der Frage, welchen Wert individuelle Freiheit eigentlich besitzt. Das ist stellenweise bewusst kühl und spröde erzählt, besitzt aber genügend interessante Ideen, um deutlich länger im Kopf zu bleiben als eine klassische Gut-gegen-Böse-Geschichte.
Genau deshalb ist das Buch der Vergeltung für uns die wesentlich interessantere Variante. Die Grundwelt war schon im ursprünglichen Shin Megami Tensei V faszinierend, doch der neue Pfad gibt den Figuren mehr Präsenz und verknüpft sie stärker mit dem eigentlichen Konflikt. Das löst nicht sämtliche erzählerischen Probleme, macht aus der Handlung aber eine deutlich rundere Erfahrung.

Schwächen treffen oder sehr schnell sterben
Spielerisch bleibt Shin Megami Tensei V: Vengeance ein klassisches rundenbasiertes JRPG, allerdings eines, das Fehler ausgesprochen konsequent bestraft. Gegner sind bereits in der Spielwelt sichtbar und können vor einem Kampf angegriffen werden, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Sobald die eigentliche Auseinandersetzung beginnt, steht das bekannte Press-Turn-System im Mittelpunkt.


Treffen wir eine gegnerische Schwäche oder landen einen kritischen Treffer, erhalten wir zusätzliche Aktionen. Verfehlen wir dagegen einen Angriff oder treffen auf eine Immunität, können Züge verloren gehen. Dadurch kann selbst eine zunächst harmlose Begegnung innerhalb weniger Sekunden komplett kippen.
Das Entscheidende ist deshalb nicht einfach nur ein möglichst hohes Level. Die richtige Gruppenzusammenstellung ist mindestens genauso wichtig. Elemente, Resistenzen, Heilung, Buffs und Debuffs müssen regelmäßig an den nächsten Gegner angepasst werden. Gerade Unterstützungseffekte sind hier kein nebensächlicher Luxus, sondern können darüber entscheiden, ob ein Boss nach wenigen Runden fällt oder unsere gesamte Gruppe auseinander nimmt.


Das macht die Kämpfe anspruchsvoll, aber gleichzeitig ausgesprochen befriedigend. Wenn eine zuvor beinahe unüberwindbare Begegnung nach einer neuen Gruppenzusammenstellung plötzlich kontrollierbar wird, fühlt sich der Sieg tatsächlich verdient an. Umgekehrt kann es enorm frustrieren, wenn der Protagonist kurz vor Ende eines Bosskampfes durch einen einzigen unglücklichen Angriff fällt und damit die komplette Auseinandersetzung beendet ist.
Auch auf niedrigeren Schwierigkeitsgraden bleibt das Spiel vergleichsweise fordernd. Wer direkt aus Persona kommt und erwartet, mit ein wenig zusätzlichem Leveln problemlos durch die Handlung zu marschieren, könnte deshalb überrascht werden. Gerade Genre-Einsteiger sollten wissen, dass Vengeance trotz zahlreicher Komfortverbesserungen weiterhin ein Spiel ist, das Vorbereitung verlangt.
Dämonen sind gleichzeitig Gegner, Verbündete und Fusionsmaterial
Neue Gruppenmitglieder schließen sich uns nicht einfach automatisch an. Viele Dämonen können während eines Kampfes angesprochen werden und anschließend beginnt eine kleine Verhandlung. Die Kreaturen verlangen Geld, Gegenstände, Lebenspunkte oder Magiepunkte und reagieren teilweise sehr unterschiedlich auf unsere Antworten. Manchmal funktioniert die Verhandlung. Manchmal läuft der Dämon einfach weg. Und manchmal kassiert er erst unsere Gegenstände und greift anschließend trotzdem an. Danke für nichts.

Neu sind außerdem menschliche Gäste, die den Protagonisten zeitweise begleiten und ganz normal im Kampf eingesetzt werden können. Sie steigen im Level auf, lernen eigene Fähigkeiten und sind keineswegs nur dekorative Storybegleiter. Gerade wenn entsprechende Figuren zur Verfügung standen, haben wir sie gerne in unsere aktive Gruppe übernommen.
Die rekrutierten Dämonen selbst bleiben dagegen nur selten dauerhaft erhalten. Wirklich stärker wird unsere Gruppe durch regelmäßige Fusionen. Mehrere vorhandene Dämonen werden miteinander kombiniert und erschaffen eine neue Kreatur, die ausgewählte Fähigkeiten ihrer Vorgänger übernehmen kann. Dadurch beginnt schnell das typische SMT-Problem: Man möchte eigentlich nur kurz eine neue Fusion ausprobieren und stellt zwanzig Minuten später fest, dass daraus bereits fünf weitere mögliche Kombinationen entstanden sind.


Vengeance erweitert dieses System um zusätzliche Dämonen und mehr einzigartige Fähigkeiten. Dadurch unterscheiden sich einzelne Gruppenmitglieder stärker voneinander und es lohnt sich noch mehr, unterschiedliche Kombinationen auszuprobieren.
Wer erkundet, wird tatsächlich stärker
Auch der Nahobino entwickelt sich über mehrere Systeme gleichzeitig weiter. Neben klassischen Erfahrungspunkten erhält er Fähigkeiten über Dämonenessenz und kann über sogenannte Wunder dauerhaft verbessert werden. Dafür benötigen wir Ruhm, den wir durch Erkundung, bestimmte Gegner und andere Aktivitäten erhalten.
Diese Wunder können zusätzliche Skillplätze freischalten, Resistenzen verbessern, Verhandlungen erleichtern oder neue Möglichkeiten innerhalb des Kampfsystems eröffnen. Genau dadurch entsteht eine der für uns besten Verbindungen im gesamten Spiel: Erkundung und Charakterentwicklung gehören unmittelbar zusammen.

Da’at besteht aus großen offenen Gebieten mit deutlichen Höhenunterschieden, versteckten Wegen, Schatzpunkten, mächtigen Gegnern und zahlreichen kleinen Dämonen, die überall in der Landschaft verteilt sind. Wir springen über Ruinen, suchen nach höher gelegenen Plattformen und entdecken ständig irgendeinen Seitenweg, der vielleicht nur zu einer kleinen Belohnung führt – oder plötzlich eine wichtige Verbesserung freischaltet.


Gerade Vengeance profitiert enorm von den zusätzlichen Gebieten. Schon vergleichsweise früh tauchen neue Regionen und Nebenaufgaben auf, wodurch sich die Reise selbst für Kenner des Originals deutlich frischer anfühlt. Besonders gut gefallen haben uns die Nebenquests, weil sie nicht ausschließlich aus einfachen Sammelaufträgen bestehen. Dämonen streiten untereinander, vertreten unterschiedliche Interessen und stellen uns gelegentlich vor kleine Entscheidungen.
Dadurch fühlt sich Da’at weniger wie eine leere postapokalyptische Kulisse an. Überall existieren kleine Konflikte, und selbst wenn diese nicht immer gigantische Konsequenzen haben, vermitteln sie zumindest das Gefühl, dass die Dämonenwelt unabhängig von unserer großen Hauptgeschichte weiterlebt.
Vengeance ist fast mehr als nur eine erweiterte Fassung
Neben der neuen Handlung wurden zahlreiche kleinere Systeme ergänzt oder überarbeitet. Bei automatischen Kämpfen lässt sich beispielsweise genauer bestimmen, wie Begleiter agieren sollen. Hinzu kommt ein eigener Bereich, in dem wir uns mit unseren Dämonen unterhalten können und gelegentlich kleine Geschenke erhalten. Solche Funktionen verändern das Spiel nicht grundsätzlich, sorgen aber dafür, dass sich diese Version insgesamt komfortabler und umfangreicher anfühlt.

Optisch überzeugt vor allem das Design der Dämonen und der postapokalyptischen Gebiete. Da’at ist nicht im klassischen Sinne schön, besitzt aber eine ausgesprochen starke Stimmung. Riesige Sandflächen, zerbrochene Straßen und die Überreste Tokios erzeugen einen Kontrast zu den häufig extrem detaillierten mythologischen Kreaturen.
Musikalisch ist Vengeance deutlich stärker Geschmackssache. Harte, industrielle und experimentelle Klänge bestimmen große Teile des Soundtracks. In normalen Kämpfen konnten uns nicht sämtliche Stücke überzeugen, bei großen Bossbegegnungen passt dieser Stil dagegen hervorragend zur bedrohlichen Atmosphäre.

Fazit – Ein hervorragendes JRPG, das keine Fehler verzeiht
Shin Megami Tensei V: Vengeance ist ein hervorragendes düsteres JRPG für Spieler, die Spaß an anspruchsvollen Kämpfen, komplexem Teamaufbau und einer apokalyptischen Welt voller religiöser und mythologischer Konflikte haben. Wer allerdings eine Geschichte sucht, die von der ersten Minute an emotional fesselt, muss Geduld mitbringen. Gerade die ersten Stunden sind erzählerisch erstaunlich dünn und auch später bleibt das Pacing ungleichmäßig.
Dafür funktioniert das Gameplay umso besser. Das Press-Turn-System belohnt Vorbereitung, Dämonenfusionen erzeugen einen enormen Experimentierdrang und selbst die Erkundung besitzt einen unmittelbaren spielerischen Nutzen. Neue Dämonen, zusätzliche Gebiete, Gäste und die vielen kleineren Verbesserungen sorgen dafür, dass Vengeance wesentlich mehr ist als nur dieselbe Geschichte auf stärkeren Konsolen.
Der Schwierigkeitsgrad bleibt allerdings ein Punkt, den man ernst nehmen sollte. Buffs, Debuffs und Resistenzen sind hier keine Systeme für Spieler, die noch ein paar Prozent mehr Schaden herausholen möchten. Sie gehören zum eigentlichen Fundament des Kampfsystems. Wer darauf keine Lust hat, dürfte spätestens bei den größeren Bossen ziemlich schnell frustriert sein.
Gerade deshalb fühlen sich Erfolge allerdings so gut an. Wenn ein Boss, der uns zuvor komplett auseinander genommen hat, nach einer neuen Dämonenfusion und einer angepassten Strategie plötzlich bezwingbar wird, zeigt Shin Megami Tensei V: Vengeance seine größte Stärke.
Das Buch der Vergeltung macht die Geschichte gleichzeitig deutlich interessanter und gibt insbesondere den neuen Figuren wesentlich mehr Präsenz. Damit ist Vengeance für Neueinsteiger klar die Fassung, mit der man heute beginnen sollte. Wer das ursprüngliche Shin Megami Tensei V bereits gespielt hat, bekommt wiederum genug neue Inhalte, um eine Rückkehr nach Da’at rechtfertigen zu können.
Shin Megami Tensei V: Vengeance möchte kein zweites Persona sein. Es möchte euch auch nicht ständig emotional an die Hand nehmen. Stattdessen wirft es euch in eine Welt aus Göttern, Dämonen und Ideologien und erwartet, dass ihr ihre Regeln versteht.
Und wenn ihr das nicht tut, erklärt euch der nächste Boss die Regeln eben noch einmal. Sehr eindringlich.
