Eine Oper am Weihnachtsabend, ein festlich beleuchtetes New York und ein Publikum, das gespannt auf den Beginn der Vorstellung wartet. Wenige Minuten später brennen die Menschen in ihren Sitzen. Willkommen bei Parasite Eve, einem der ungewöhnlichsten Rollenspiele, die Square während der PlayStation-Ära veröffentlicht hat.
Das Spiel erschien 1998 in Japan und Nordamerika, schaffte es allerdings nie offiziell nach Europa. Grundlage bildet die Welt des gleichnamigen Romans von Hideaki Sena, wobei Parasite Eve eine eigenständige Geschichte erzählt und das Geschehen nach New York verlegt. Für unseren Test haben wir deshalb eine deutsche Fanübersetzung verwendet, denn eine offizielle deutsche Fassung existiert bis heute nicht.
Bereits auf dem Papier klingt die Mischung ziemlich eigenwillig: Survival-Horror trifft auf JRPG, medizinische Science-Fiction auf Polizeithriller und klassische Rollenspielwerte auf ein Kampfsystem, in dem wir uns frei bewegen können. Doch gerade diese ungewöhnliche Kombination sorgt dafür, dass Parasite Eve fast drei Jahrzehnte später noch immer erstaunlich eigenständig wirkt.
🎮 Parasite Eve – Spieldaten
Release: 1998
Ursprüngliche Plattform: PlayStation
Genre: JRPG / Horror-Rollenspiel
Entwickler: Square
Schauplatz: New York
Spielmodus: Einzelspieler
Getestete Version: PlayStation mit deutscher Fanübersetzung
Offizielle deutsche Fassung: Nicht erschienen
Ein Weihnachtsabend, der ziemlich schnell eskaliert
Die Geschichte beginnt am 24. Dezember 1997. Die junge New Yorker Polizistin Aya Brea besucht gemeinsam mit einem Begleiter eine Oper, wirkt von der Aufführung allerdings deutlich weniger begeistert als ihr Date. Ihre Aufmerksamkeit gilt vor allem der Sängerin auf der Bühne – und wenig später wird auch klar, warum.

Mitten während der Vorstellung beginnen zunächst die Schauspieler und anschließend große Teile des Publikums ohne erkennbaren Grund zu brennen. Menschen springen von ihren Sitzen auf und innerhalb weniger Augenblicke verwandelt sich der Saal in ein Inferno. Nur Aya bleibt vollkommen unversehrt. Auch die Sängerin scheint gegen die Flammen immun zu sein und reagiert nicht etwa erschrocken, sondern blickt Aya an, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet.

Aya verfolgt die Frau hinter die Bühne und erlebt dort die nächste unangenehme Überraschung. Der Körper der Sängerin beginnt sich zu verändern und ihre menschliche Identität verschwindet zunehmend. Stattdessen bezeichnet sie sich selbst als Eve und erklärt, dass die Mitochondrien der Menschheit lange genug als bloße Bestandteile menschlicher Zellen existiert hätten. Nun sei ihre Zeit gekommen.

Was zunächst nach vollkommen absurdem Science-Fiction-Gerede klingt, baut auf einem realen biologischen Ausgangspunkt auf. Mitochondrien befinden sich in fast allen menschlichen Zellen, stellen Energie bereit und besitzen sogar eigene DNA. Parasite Eve macht daraus eine Horrorfantasie: Was wäre, wenn diese Zellbestandteile ein eigenes evolutionäres Ziel verfolgen und irgendwann beschließen würden, dass sie den Menschen nicht mehr benötigen?
Eve kann die Mitochondrien anderer Lebewesen beeinflussen. Menschen verbrennen in ihrer Nähe spontan, Tiere entwickeln sich innerhalb kürzester Zeit zu grotesken Kreaturen und selbst Aya spürt Veränderungen in ihrem Körper. Anders als ihre Mitmenschen überlebt sie Eves Einfluss allerdings nicht nur, sondern entwickelt sogar eigene übernatürliche Fähigkeiten.

Sechs Tage, in denen praktisch keine Zeit verschwendet wird
Nach der ersten Konfrontation entkommt Eve und Aya macht sich auf die Suche nach ihr. Gleichzeitig möchte sie herausfinden, weshalb ausgerechnet sie gegen Eves Fähigkeiten resistent ist und warum immer wieder Bilder aus ihrer Vergangenheit auftauchen. Die Spur führt durch unterschiedliche Teile New Yorks, während sich Eves Einfluss zunehmend ausbreitet und die Stadt langsam im Chaos versinkt.

Die Geschichte besitzt dabei einen Aufbau, den man in einem JRPG dieser Zeit eher selten findet. Jedes Kapitel entspricht einem einzelnen Tag und das gesamte Abenteuer erstreckt sich lediglich über sechs Tage zwischen Weihnachten und Silvester. Dadurch entsteht ein ausgesprochen hohes Erzähltempo. Parasite Eve benötigt keine 50 oder 60 Stunden, um ständig neue Fragen aufzubauen, sondern konzentriert sich konsequent auf seinen zentralen Konflikt.
Genau das hat uns besonders gut gefallen. Selbst viele unserer liebsten Rollenspiele aus der PS1-Generation besitzen Passagen, bei denen die Geschichte spürbar auf der Stelle tritt. Parasite Eve kennt dieses Problem kaum. Nahezu jede größere Szene bringt Aya entweder näher an Eve heran, erweitert das Mysterium um ihre Vergangenheit oder zeigt, wie sich die Situation in New York weiter verschärft.

Auch die Charaktere funktionieren innerhalb dieser kompakten Struktur erstaunlich gut. Insbesondere Aya ist eine hervorragende Hauptfigur, mit der man während des gesamten Abenteuers mitfiebert. Sie wirkt kompetent, ohne unantastbar zu sein, und besitzt genug Ecken und Kanten, um nicht wie eine völlig glattgebügelte Heldin aufzutreten. Auch Figuren wie Daniel tragen dazu bei, dass der Polizeithriller-Anteil der Geschichte glaubwürdig bleibt.

Einen großen Teil seiner Identität verdankt Parasite Eve allerdings der Atmosphäre. Computerlabore, DNA-Untersuchungen und Polizeiarbeit existieren hier neben grotesken Mutationen und biologischem Horror. Das Ergebnis erinnert stärker an einen medizinischen Science-Fiction-Thriller der späten 90er als an ein klassisches Fantasy-Rollenspiel.

Besonders deutlich wird das in den vorgerenderten Zwischensequenzen. Immer wieder sehen wir, wie sich gewöhnliche Tiere oder Menschen innerhalb weniger Augenblicke in groteske Kreaturen verwandeln. Die Videos sind technisch natürlich sichtbar gealtert, ihre Wirkung haben viele dieser Szenen allerdings nicht verloren. Gerade weil die Verwandlungen sehr bewusst inszeniert werden, können selbst vergleichsweise einfache Gegner unangenehm wirken.

Der eigentliche Horror entsteht jedoch nicht nur durch die Kreaturen. New York selbst trägt mindestens genauso viel dazu bei. Verschneite Straßen, dunkle Theatergänge, verlassene Krankenhausflure und später die großen Ausstellungshallen des Museums vermitteln ständig ein Gefühl von Ruhe und Bedrohung zugleich.

Das fast vollständig verlassene New York zur Weihnachtszeit ist als Schauplatz hervorragend gewählt. Während normalerweise überall Menschen unterwegs wären, wirken große Teile der Stadt plötzlich leer und fremd. Parasite Eve braucht dadurch keine gigantische Fantasywelt mit einem Dutzend Königreichen. Einige sehr unterschiedliche Orte innerhalb einer einzigen Stadt reichen vollkommen aus.
Ein Kampfsystem zwischen zwei Welten
Auch spielerisch bewegt sich Parasite Eve ständig zwischen verschiedenen Genres. Während der Erkundung erinnert das Spiel deutlich an damalige Survival-Horror-Titel wie Resident Evil. Aya läuft über vorgerenderte Hintergründe, untersucht Räume, sammelt Schlüssel und Gegenstände und wird dabei von festgelegten Kameraperspektiven gezeigt.

Sobald ein Kampf beginnt, verwandelt sich das Spiel dagegen in ein Rollenspiel. Die Gegner erscheinen direkt im aktuellen Raum und Aya kann sich weiterhin frei bewegen. Während sich ihre ATB-Leiste auffüllt, laufen die Feinde über das Schlachtfeld und greifen an. Viele Attacken lassen sich dadurch vollständig vermeiden, wenn man ihre Bewegungsmuster erkennt und rechtzeitig ausweicht.

Ist die ATB-Leiste gefüllt, öffnet sich das Befehlsmenü. Nun kann Aya mit ihrer Waffe angreifen, Gegenstände benutzen oder ihre Parasite Energy einsetzen. Beim Schießen zeigt das Spiel die Reichweite der aktuell ausgerüsteten Waffe an. Befindet sich ein Gegner innerhalb dieses Bereichs, kann er anvisiert und beschossen werden.

Dadurch entsteht eine Mischung, die selbst heute noch ziemlich ungewöhnlich wirkt. Parasite Eve ist kein Action-Rollenspiel, weil Aya nicht jederzeit feuern kann. Gleichzeitig ist es auch kein klassisches rundenbasiertes System, da man während der Wartezeit ständig aktiv bleiben und gegnerischen Angriffen ausweichen muss. Für uns gehört dieses Kampfsystem zu den größten Stärken des Spiels.
Die verschiedenen Waffen unterscheiden sich ebenfalls deutlich voneinander. Pistolen sind schnell und flexibel, während Gewehre eine größere Reichweite bieten, dafür aber langsamer ausfallen. Je nach Ausrüstung verändert sich deshalb auch die ideale Positionierung im Kampf. Gerade diese Kombination aus taktischen Rollenspielelementen und permanenter Bewegung ist erstaunlich gut gealtert.

Ausrüstung macht Spaß, das Inventar weniger
Nach Kämpfen erhält Aya klassische Erfahrungspunkte und Gegenstände. Levelaufstiege verbessern ihre Werte automatisch, zusätzlich gibt es jedoch Bonuspunkte, die für verschiedene Verbesserungen eingesetzt werden können. Genau hier eröffnet Parasite Eve eine weitere interessante Entscheidung, denn diese Punkte lassen sich beispielsweise in Waffen und Rüstungen investieren – oder dafür verwenden, das viel zu kleine Inventar zu vergrößern.
Zu Beginn besitzt Aya nämlich gerade einmal zehn Plätze. Waffen, Rüstungen und sämtliche Gegenstände teilen sich denselben begrenzten Raum. Das sorgt gerade in den ersten Stunden dafür, dass man permanent Gegenstände wegwirft, umsortiert oder überlegt, ob man wirklich noch eine weitere Waffe mitnehmen möchte. Unserer Meinung nach ist das der größte spielerische Schwachpunkt des gesamten Abenteuers.

Deutlich interessanter ist das Verbesserungssystem für Waffen und Rüstungen. Fast jedes Ausrüstungsteil besitzt Grundwerte und zusätzliche Boni. Mithilfe sogenannter Tools können Verbesserungen von einem Gegenstand auf einen anderen übertragen werden. Findet man beispielsweise eine neue Pistole mit besseren Basiswerten, müssen die bereits aufgebauten Boni der alten Lieblingswaffe nicht verloren gehen.

Auch besondere Eigenschaften lassen sich übernehmen. Waffen können beispielsweise mehrere Schüsse pro Aktion abgeben oder zusätzliche Effekte besitzen. Dadurch begleitet uns eine individuell entwickelte Ausrüstung über weite Teile des Spiels, anstatt bei jedem neuen Fund einfach vollständig ersetzt zu werden.
Für einen normalen ersten Durchgang muss man dieses System nicht bis ins letzte Detail ausreizen. Wer Spaß am Optimieren hat, findet allerdings genügend Möglichkeiten zum Experimentieren. Gleichzeitig bleibt das gesamte Abenteuer angenehm kompakt und lässt sich problemlos innerhalb eines verlängerten Wochenendes abschließen. Gerade bei einem Genre, das mittlerweile gerne dreistellige Spielzeiten anpeilt, ist das fast schon erfrischend.
Alt geworden, aber atmosphärisch immer noch stark
Natürlich sieht man Parasite Eve sein Alter deutlich an. Polygonale Figuren bewegen sich über statische zweidimensionale Kulissen, deren ursprüngliche Auflösung auf modernen Bildschirmen ziemlich niedrig wirkt. Gerade im direkten Vergleich mit heutigen Spielen muss man sich deshalb zunächst an die Präsentation gewöhnen.

Künstlerisch funktionieren viele Hintergründe allerdings weiterhin hervorragend. Besonders die Beleuchtung ist stark und gibt jedem Schauplatz eine eigene Stimmung. Theater, Krankenhaus, Polizeistation und Museum unterscheiden sich nicht nur durch ihre Einrichtung, sondern auch durch Licht, Farben und Perspektiven.
Problematischer ist die Lesbarkeit einiger Umgebungen. Türen oder Gegenstände, mit denen Aya interagieren kann, verschwinden gelegentlich fast vollständig im Hintergrund. Dadurch läuft man unnötig mehrfach durch denselben Raum, weil der eigentlich relevante Ausgang kaum zu erkennen ist.

Musikalisch ist das Spiel dagegen noch immer ausgesprochen eigenständig. Yoko Shimomuras Soundtrack verbindet elektronische Elemente mit Klavier, Operngesang und teilweise fast industriellen Klangflächen. Gleichzeitig bleibt Parasite Eve erstaunlich häufig vollkommen ruhig. In verlassenen Gebäuden hört man teilweise fast ausschließlich Ayas Schritte und vereinzelte Umgebungsgeräusche, wodurch plötzlich einsetzende Musik noch deutlich stärker wirkt.

Fazit – Sechs Tage, ein leeres New York und eine verdammt schlechte Oper
Parasite Eve gehört auch heute noch zu den ungewöhnlichsten Rollenspielen der PlayStation-Ära. Es ist gleichzeitig JRPG, Survival-Horror und medizinischer Science-Fiction-Thriller und schafft es erstaunlich gut, diese unterschiedlichen Einflüsse zu einem zusammenhängenden Abenteuer zu verbinden.
Besonders das Kampfsystem ist hervorragend gealtert. Die freie Bewegung auf dem Schlachtfeld, die ATB-Leiste, verschiedene Waffenreichweiten und klassische Rollenspielbefehle erzeugen eine Mischung, die selbst Jahrzehnte später ungewöhnlich wirkt. Auch das Ausrüstungssystem bietet überraschend viel Tiefe und ermöglicht es, Lieblingswaffen über lange Zeit weiterzuentwickeln.
Natürlich gibt es Altersspuren. Das winzige Inventar kann gerade zu Beginn enorm nerven, einige Übergänge verschwinden förmlich in den vorgerenderten Kulissen und technisch ist nicht zu übersehen, dass dieses Spiel 1998 veröffentlicht wurde. Vieles davon lässt sich heute allerdings leichter verzeihen, weil Parasite Eve seine wichtigsten Stärken an anderer Stelle besitzt.
Am stärksten bleibt für uns die Geschichte. Sie verschwendet kaum Zeit, Aya ist eine hervorragende Hauptfigur und das fast menschenleere New York während der Weihnachtszeit erzeugt eine Stimmung, die kaum ein anderes JRPG besitzt. Statt das Abenteuer künstlich auf Dutzende Stunden auszudehnen, reichen sechs Tage vollkommen aus.

Schneefall, verlassene Straßen, groteske Mutationen, Polizeiarbeit und eine Bedrohung, die ausgerechnet aus einem Bestandteil der eigenen Zellen entsteht – Parasite Eve fühlt sich dadurch bis heute wie ein Spiel an, das es eigentlich viel häufiger hätte geben müssen.
Eine Weihnachtsgeschichte über mitochondriale Evolution. Manchmal braucht ein Rollenspiel eben keine gigantische Welt, keine 80 Stunden Spielzeit und auch keinen Krieg zwischen fünf Königreichen.
Manchmal reichen sechs Tage in New York und eine wirklich katastrophale Opernaufführung.
