Ein Versprechen unter Kindern klingt zunächst nicht nach etwas, das Jahre später über das Schicksal einer ganzen Welt entscheiden könnte. Oder etwa doch?
Tales of Graces erschien ursprünglich 2009 ausschließlich in Japan für die Wii. Eine erweiterte Fassung folgte 2010 unter dem Namen Tales of Graces f für die PlayStation 3. Diese Version ergänzte unter anderem einen umfangreichen Epilog und wurde 2012 schließlich auch im Westen veröffentlicht.
Tales of Graces f Remastered erschien 2025 für Nintendo Switch, PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series und PC via Steam. Die Neuauflage enthält deutsche Bildschirmtexte sowie englische und japanische Sprachausgabe. Zusätzlich wurden zahlreiche Komfortfunktionen eingebaut, darunter automatische Speicherstände, Zielmarkierungen, schnelleres Laufen, überspringbare Szenen und die Möglichkeit, normale Gegnerbegegnungen vollständig auszuschalten.
Entwickelt wurde das Remaster von Tose und veröffentlicht von Bandai Namco. Inhaltlich basiert es auf der erweiterten PlayStation-3-Fassung und enthält deshalb auch den zusätzlichen Epilog, der die Geschichte nach dem eigentlichen Ende fortsetzt.
Doch wie gut funktioniert Tales of Graces f heute noch? Ist das viel gelobte Kampfsystem tatsächlich so stark? Und reicht eine technisch eher vorsichtige Neuauflage aus, um dieses frühere PlayStation-3-Rollenspiel für ein modernes Publikum zurückzubringen?
[Hier den YouTube-Videotest einbetten]
Ein Versprechen aus Kindertagen
Die Geschichte beginnt in der kleinen Herrschaft Lhant. Dort lebt der Junge Asbel Lhant, der älteste Sohn des örtlichen Lords. Asbel soll eines Tages die Verantwortung für das Gebiet übernehmen, interessiert sich als Kind aber wesentlich stärker für Abenteuer, verbotene Ausflüge und alles, was sein Vater ihm ausdrücklich untersagt hat.
Sein jüngerer Bruder Hubert ist da schon deutlich vorsichtiger. Er ist körperlich schwächer, besitzt wenig Selbstvertrauen und folgt Asbel meistens, obwohl er genau weiß, dass die nächste Idee seines Bruders vermutlich wieder Ärger bedeutet.
Bei einem Ausflug auf einen Hügel entdecken Asbel und Hubert ein bewusstloses Mädchen. Sie besitzt hellviolettes Haar, erinnert sich weder an ihren Namen noch an ihre Herkunft und scheint die Welt um sich herum kaum zu verstehen. Asbel gibt ihr kurzerhand den Namen Sophie, angelehnt an eine Blume, die an ihrem Fundort wächst.
Gemeinsam mit Hubert und seiner Kindheitsfreundin Cheria versucht er herauszufinden, woher sie kommt. Kurz darauf begegnen die Kinder Richard, dem jungen Prinzen eines Königreichs. Zusammen verbringt die kleine Gruppe eine überwiegend unbeschwerte Kindheit, in der vor allem ihre Freundschaft in den Vordergrund rückt.
[Screenshot: Asbel, Sophie, Hubert und Cheria als Kinder]
Die friedliche Zeit endet jedoch abrupt. Ein Angriff bringt die Gruppe in Lebensgefahr und Sophie setzt eine gewaltige, unbekannte Kraft ein, um die anderen zu beschützen. Anschließend verschwindet sie, während Asbel überzeugt ist, dass sie gestorben sei.
Die Ereignisse verändern das Leben aller Beteiligten. Asbel erkennt, dass sein bisheriger Mut nicht ausgereicht hat, um Sophie zu retten. Gegen den Willen seines Vaters verlässt er seine Heimat und beginnt eine Ausbildung an der Ritterakademie in der Hauptstadt.
Sein Ziel ist klar: Er möchte stark genug werden, damit er niemals wieder hilflos zusehen muss, wenn jemand vor seinen Augen verletzt wird.
Sieben Jahre vergehen. Asbel ist kein kleiner Junge mehr, sondern inzwischen ein junger Ritter. Auch seine einstigen Freunde haben sich verändert und geraten zunehmend in größere Konflikte. Als dann plötzlich ein Mädchen auftaucht, das genauso aussieht wie Sophie, wird klar, dass hinter den damaligen Ereignissen deutlich mehr steckt.
Freundschaft als zentrales Thema
Die Geschichte von Tales of Graces f bleibt in vielen Bereichen eigentlich sehr klassisch. Eine unbekannte Macht bedroht nach und nach die Welt und die Charaktere müssen lernen, einander zu vertrauen. Besonders originell ist diese Grundstruktur nicht.
Auch die starke Betonung von Freundschaft und Versprechen wird manchen Spielern ein klein wenig zu direkt sein. Asbel wiederholt sehr häufig, dass er seine Freunde beschützen möchte. Seine Entschlossenheit ist zwar sympathisch, kann aber gerade dann anstrengend werden, wenn er selbst offensichtliche Warnzeichen lange nicht akzeptieren will.
Trotzdem konnte uns die Geschichte grundsätzlich überzeugen. Das liegt vor allem an dem mehrstündigen Kindheitsabschnitt zu Beginn. Hier etabliert das Spiel bereits einige spannende Beziehungskonflikte und hinterfragt im weiteren Verlauf immer wieder den Wert von Freundschaft.
Kann man beispielsweise noch genauso miteinander befreundet sein, wenn man sich jahrelang nicht gesehen hat? Ist dann tatsächlich alles noch so wie damals?
Das sind interessante Fragen, die dem Abenteuer eine persönlichere Ebene verleihen.
Leider kocht die Handlung insbesondere im Mittelteil konsequent auf Sparflamme, bevor sie danach wieder deutlich interessanter wird.
[Screenshot: spätere Szene mit der Gruppe]
Nach dem Abschluss der Hauptgeschichte folgt außerdem noch ein eigener Epilog. Den sollte man unserer Meinung nach unbedingt spielen, denn er gehört sogar zu den stärksten Abschnitten von Tales of Graces f.
Besonders Sophie ist eine interessante Figur und ihre Rolle innerhalb der Geschichte hat uns sehr gut gefallen. Auch die meisten anderen Charaktere machen im Laufe des Abenteuers eine schöne Entwicklung durch.
Der Humor kommt ebenfalls nicht zu kurz. Besonders deutlich zeigt sich das in den sogenannten Skits – kleinen optionalen Gesprächen, in denen die Charaktere über unterschiedlichste Dinge quatschen. Darunter befinden sich tatsächlich einige richtig gute Szenen. Wer die Möglichkeit hat, sollte möglichst viele davon anschauen, denn sie tragen erheblich zur Charakterisierung der Gruppe bei.
Das Kampfsystem ist der eigentliche Star
Die größte Stärke von Tales of Graces f liegt ganz eindeutig im Kampfsystem.
Wie für die Tales-Reihe üblich, laufen die Kämpfe in Echtzeit ab. Auf dem Feld lassen sich Gegner bereits vor einer Begegnung erkennen. Im Kampf steuert man anschließend einen Charakter, greift an, blockt und weicht gegnerischen Attacken aus.
In Graces gibt es dabei eine interessante Besonderheit: Es stehen zwei unterschiedliche Angriffsarten zur Verfügung.
A-Arts werden über den normalen Angriffsknopf und verschiedene Richtungen ausgelöst. B-Arts sind individuell zugewiesene Spezialfähigkeiten, die über einen anderen Knopf in Verbindung mit verschiedenen Richtungen aktiviert werden. Dazu gehören stärkere physische Techniken, Magie und charakterabhängige Spezialangriffe.
[Screenshot: Kampf mit sichtbarer Benutzeroberfläche]
Das allein wäre noch nichts Besonderes. Die eigentliche Besonderheit steckt im Ressourcensystem.
Statt klassischer MP verwendet das Spiel Aktionspunkte. Jede Aktion verbraucht eine bestimmte Anzahl dieser Punkte. Sobald man für einen Moment nicht angreift, laden sie sich automatisch wieder auf.
Das fühlt sich in der Praxis herrlich erfrischend an. Man kann nicht dauerhaft dieselbe Kombination wiederholen, sondern muss Angriffsphasen und kurze Pausen miteinander verbinden.
Nach einer Combo weicht man zurück, bewegt sich seitlich um den Gegner herum oder wartet kurz, bis genügend Aktionspunkte für die nächste Aktion verfügbar sind.
Seitliche Ausweichschritte sind dabei besonders wichtig. Mit dem richtigen Timing lassen sich viele Angriffe vollständig umgehen. Ein perfektes Ausweichmanöver stellt zusätzliche Punkte bereit und ermöglicht unmittelbar einen Gegenangriff.
[Screenshot: Ausweichmanöver oder starke Combo]
Was uns an den Kämpfen besonders überzeugt hat, ist die Tatsache, wie flüssig sie sich spielen. Das Spiel belohnt nicht nur schnelle Eingaben, sondern auch die sinnvolle Auswahl der Techniken und das geschickte Ausweichen vor Angriffen.
All diese Dinge machen in der Praxis einen erheblichen Unterschied.
Das Kampfsystem ist schnell, flexibel und besitzt dadurch erstaunlich viel Tiefe. Auf den niedrigeren Schwierigkeitsstufen kann man viele dieser Feinheiten allerdings weitgehend ignorieren, denn im Normalfall ist das Spiel nicht sonderlich schwierig. Auf höheren Schwierigkeitsgraden sieht das schon anders aus.
Über 100 Titel für jeden Charakter
Neben den herkömmlichen Levelaufstiegen sorgt vor allem das Titelsystem dafür, dass die Figuren stärker werden.
Jeder Charakter kann zahlreiche Titel freischalten. Diese erhält man durch die Handlung, Nebenaufgaben, bestimmte Kampfleistungen oder andere Bedingungen.
Jeder Titel besitzt mehrere Stufen. Durch Kämpfe sammelt man Skillpunkte und schaltet nach und nach die zugehörigen Boni frei. Dazu gehören neue Arts, höhere Werte oder passive Fähigkeiten.
Zwischen den einzelnen Titeln kann jederzeit gewechselt werden.
[Screenshot: Titel-Menü]
Das System ist extrem motivierend, kann aber auch recht schnell unübersichtlich werden. Das Spiel bietet schließlich mehr als 100 Titel pro Figur und nicht jeder davon besitzt gleichermaßen interessante Fähigkeiten.
Häufig wechselt man einen Titel nur, um einige dauerhafte Werteverbesserungen mitzunehmen.
Auch Waffen und Rüstungen lassen sich nicht nur kaufen, sondern über das sogenannte Dualisieren verbessern. Dabei verbindet man Ausrüstung mit besonderen Splittern oder kombiniert verschiedene Gegenstände zu neuen Produkten.
Durch diese Verschmelzung entstehen zusätzliche Eigenschaften. Eine Waffe kann beispielsweise mehr Angriffskraft erhalten.
Das System bietet viele Möglichkeiten, wird allerdings nur mäßig erklärt. Gerade zu Beginn sammelt man zahlreiche Splitter, ohne genau zu wissen, welche Kombination langfristig sinnvoll ist.
Wer sich intensiv damit beschäftigt, kann sehr starke Ausrüstung herstellen. Für den normalen Spielverlauf reicht es allerdings meistens aus, regelmäßig neue Gegenstände zu kaufen und einige naheliegende Verbesserungen vorzunehmen.
Der Eleth Mixer automatisiert sogar das Essen
Eine weitere Besonderheit ist der Eleth Mixer, der die Gruppe während der gesamten Reise begleitet.
In dieses Gerät werden Gegenstände und Gerichte eingesetzt. Nach genügend Kämpfen kann der Mixer automatisch Kopien bestimmter Materialien herstellen.
Gerichte wiederum werden unter festgelegten Bedingungen aktiviert. Eine Mahlzeit heilt die Gruppe beispielsweise automatisch, wenn ihre Lebenspunkte unter einen bestimmten Wert fallen.
Dadurch muss man das Essen nicht ständig manuell auswählen.
Gleichzeitig sind die verfügbaren Plätze begrenzt. Man muss deshalb überlegen, welche Gerichte und Materialien aktuell besonders wichtig sind.
Schlauchartige Gebiete und lange Laufwege
Außerhalb der Kämpfe ist Tales of Graces f wesentlich traditioneller ausgefallen.
Die Gruppe bewegt sich unter anderem durch Städte, Straßen und Höhlen. Eine frei begehbare Weltkarte gibt es nicht. Stattdessen sind die einzelnen Orte durch Laufwege miteinander verbunden.
Die Gebiete sind leider ziemlich schlauchartig aufgebaut. Es gibt zwar immer wieder Abzweigungen mit Schatztruhen und gelegentlich kleinere Rätsel innerhalb der Dungeons, viel mehr sollte man bei der Erkundung jedoch nicht erwarten.
[Screenshot: Stadt oder Landschaft]
Das Remaster hilft zumindest deutlich bei der Orientierung. Zielmarkierungen zeigen an, wo die Haupthandlung fortgesetzt wird. Zeitlich begrenzte Ereignisse werden ebenfalls besser hervorgehoben, was besonders hilfreich ist, da man in der ursprünglichen Version ziemlich leicht Inhalte verpassen konnte.
Sehr angenehm ist außerdem die neue Sprintfunktion.
Die ursprünglichen Laufwege wirken heute teilweise unnötig lang. Durch das höhere Bewegungstempo lassen sich bereits bekannte Gebiete nun wesentlich angenehmer durchqueren.
Im Remaster können Begegnungen mit Monstern über das Optionsmenü sogar vollständig deaktiviert werden. Dadurch lassen sich Rückwege ohne Unterbrechungen bewältigen.
Sinnvolle Komfortfunktionen
Zu den weiteren Neuerungen gehören automatische Speicherstände, die Möglichkeit, normale Kämpfe nach einer Niederlage zu wiederholen, Untertitel für Kampfrufe und ein bereits im ersten Durchgang zugänglicher Grade Shop.
Der Grade Shop war traditionell vor allem für einen erneuten Durchgang gedacht. Dort werden gesammelte Punkte gegen Boni eingetauscht, etwa zusätzliche Erfahrung oder weitere Belohnungen.
Er ist deshalb besonders für diejenigen interessant, die das Spiel bereits kennen und mit zusätzlichen Vorteilen einen neuen Durchgang starten möchten.
Ein Remaster, kein Remake
Bei Tales of Graces f Remastered sollte man natürlich kein vollständiges Remake erwarten.
Charaktermodelle, Animationen und Umgebungen stammen erkennbar aus der Wii- und PlayStation-3-Zeit. Die höhere Auflösung sorgt jedoch für ein sauberes Bild, kräftigere Farben und deutlich schärfere Charaktere.
Das grundlegende Design bleibt unverändert.
Landschaften wirken teilweise leer und die Gesichter zeigen nur begrenzte Emotionen. Der farbenfrohe Anime-Stil hilft dem Spiel allerdings deutlich beim Altern.
[Screenshot: farbenfrohe Umgebung oder Charakteraufnahme]
Die animierten Zwischensequenzen sehen weiterhin gut aus, treten allerdings nicht besonders häufig auf. Meistens wird die Geschichte mit den normalen Spielmodellen erzählt.
Im Vergleich zu neueren Tales-Teilen wirkt die Inszenierung entsprechend zurückhaltend.
Die Performance der Remastered-Version ist dafür gelungen. Und da die Kämpfe das eigentliche Highlight darstellen, ist das am Ende auch einer der wichtigsten Punkte.
Musikalisch eher einer der schwächeren Tales-Teile
Der Soundtrack stammt hauptsächlich von Motoi Sakuraba und Hibiki Aoyama.
Die Musik erfüllt ihren Zweck, gehört für uns allerdings eher zu den schwächeren Soundtracks innerhalb der Reihe.
Einige Kampfstücke sind energisch und passen hervorragend zum schnellen Gameplay. Viele Feld- und Stadtmelodien bleiben dagegen erstaunlich unscheinbar.
Fazit: Das Kampfsystem hält sein Versprechen
Tales of Graces f Remastered ist ein Ableger der traditionsreichen Tales-Reihe, den wir zwar nicht zu ihren besten Teilen zählen würden, der aber gleichzeitig auch erstaunlich wenig wirklich falsch macht.
Wer Tales vor allem wegen großer Geschichten und aufwendig gestalteter Welten spielt, findet innerhalb der Reihe definitiv stärkere Vertreter.
Den Kindheitsabschnitt mitsamt der Frage, wie Freundschaft überhaupt ausgelegt werden soll, haben wir sehr genossen. Gleichzeitig wird die starke Betonung dieses Themas für den einen oder anderen Spieler vermutlich etwas zu viel des Guten sein.
Wer jedoch sowieso mehr Wert auf das Gameplay und ein schnelles, ungewöhnlich flexibles Echtzeitkampfsystem legt, sollte Tales of Graces f Remastered unbedingt eine Chance geben.
Das kindliche Versprechen, das am Anfang der Geschichte geschlossen wird, mag zwar etwas kitschig sein. Das Versprechen des Spiels ist jedoch wesentlich einfacher:
Es möchte Kämpfe bieten, bei denen man auch nach vielen Stunden noch neue Kombinationen ausprobiert oder einen anderen Charakter vollständig erlernen möchte.
Und dieses Versprechen hält Tales of Graces f bis heute erstaunlich zuverlässig.
